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Spiegel-Bestseller
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Lesetipp Mai 2018

Claudia Schwartz: Meschugge sind wir beideClaudia Schwartz: Meschugge sind wir beide

Die Autorin erzählt mit diesem Buch ihre eigene Liebesgeschichte. Zwei junge Künstler verlieben sich in Berlin bei einem gemeinsamen Theaterprojekt ineinander – Claudia ist Deutsche, Shaul ist Israeli, auch heutzutage keine alltägliche Konstellation. Sich kennenlernen heißt für sie zuerst einmal eine Konfrontation mit ihrer eigenen deutsch-jüdischen Geschichte, sich gegenseitig die Geschichte ihrer Großeltern zu erzählen und auszuhalten: Shauls Großeltern väterlicherseits haben als jüdische Kinder den Holocaust in Rumänien überlebt, seine Großeltern mütterlicherseits stammen aus dem Iran. Für Claudia bedeutete der Krieg als Kind vor allem Abenteuergeschichten, ihr Großvater war Wehrmachtssoldat, ihre Oma ging als junge Hebamme an die Ostfront, über das dort Erlebte konnte sie nie sprechen.

Claudia und Shaul reisen nach Israel, sie lernt seine Familie und Freunde und die israelische Mentalität kennen, wird überwiegend sehr herzlich aufgenommen, ihre tiefe Zuneigung zueinander und Offenheit überwindet Vorurteile. Doch als Claudia allein nach Hebron fährt, um dort palästinensische Freunde zu besuchen, erntet sie auch befremdete Reaktionen. Nicht nur die deutsch-jüdische Vergangenheit, auch die aktuelle Politik spielt bis in die Hochzeitsvorbereitungen hinein eine Rolle, es ist die Zeit des Gaza-Kriegs. Schmerzhaft muss Claudia akzeptieren, dass alte Freundschaften zerbrechen, da Freunde aus Solidarität mit den Palästinensern nicht einfach mit ihr und ihrer israelischen Verwandtschaft feiern wollen.

Das Buch ist trotz des ernsten Hintergrunds humorvoll geschrieben und über allen Schwierigkeiten steht die unerschütterliche Liebe der Protagonisten. Claudia und Shaul feiern eine katholisch-jüdische Multikulti-Hochzeit, konvertieren kommt für beide nicht in Frage, Verwandte und Freunde akzeptieren diese Entscheidung und feiern eine ausgelassene, fröhliche Hochzeit. Und nebenher vermitteln sie eine Ahnung, wie die Welt bei genügend Toleranz ausschauen könnte.

Claudia Nägel

Lesetipp April 2018

Joachim Ringelnatz: Zupf dir ein WölkchenJoachim Ringelnatz: Zupf dir ein Wölkchen

Finden Sie auch, dass Gedichte meistens zu lang und irgendwie anstrengend sind? Ich empfehle Ihnen heute welche, die kurz und ziemlich witzig sind - und die außerdem wunderbar zum blauen Frühlingshimmel passen: Der Gedicht-Band „Zupf dir ein Wölkchen“ von Joachim Ringelnatz.

Der Matrose, Kabarettist, Maler und Dichter Joachim Ringelnatz ist vor allem für seine „Unsinn-Dichtung“ bekannt: Oft beschreibt er Tiere und Dinge, die menschliche Eigenschaften bekommen. So bedichtet Ringelnatz zum Beispiel zwei reiselustige Ameisen, einen verliebten Briefmark, ein zu Scherzen aufgelegtes Staubkorn und einen Sauerampfer, der neben Bahngleisen wächst.

Bürgerliche Pedanterie und Doppelmoral parodiert er mit zwinkerndem Spott: Er fragt sich, was das wohl für ein Mensch ist, der das Steuerbogenformular erfunden hat oder lässt im Gedicht „Die Geburtenzahl“ dem Klerus eine entscheidende Rolle zukommen.

Aber Ringelnatz‘ Gedichte lassen die Leser*innen das Augenmerk auch auf die kleinen und großen Freuden des Lebens richten, mal melancholisch-sehnsüchtig („Ein ganzes Leben“, „Zu dir“), mal frisch vergnügt („Morgenwonne“, „Sommerfrische“).

Ein Bändchen, das uns das Warten auf den Frühling versüßt, Lust aufs Reisen macht („Reist aus! Steigt ein ins Eisenbahnkuppee!“) - und mit dem man sich auf helle, lange Sommertag und Faulenzen im Grünen freuen kann.

Katharina Leyrer

Lesetipp März 2018

Marry Basson: Die MalerinMary Basson: Die Malerin

Die Autorin arbeitet im Milwaukee Art Museum, das die größte Gabriele-Münter-Sammlung besitzt. Sie hat sich ausgiebig mit dem Leben und Werk der Künstlerin beschäftigt. Zeitgleich zur großen Gabriele-Münter-Ausstellung im Münchner Lenbachhaus ist ihre romanhafte Biografie erschienen, die fesseln und spannend das Leben einer der bedeutendsten Malerinnen der Klassischen Moderne in ihrem Kampf um Anerkennung beschreibt.

Auf der Münchner Malschule „Phalanx“ verliebt sich die engagierte Malschülerin Gabriele Münter in ihren damals schon berühmten Lehrer Wassily Kandinsky. Basson schildert anschaulich die komplizierte Beziehung der beiden, die gesellschaftliche Ausgrenzung der Münter, die in ihrem „Russenhaus“ im ländlichen Murnau in „wilder“ Ehe mit Kaminsky lebt, die Suche nach künstlerischer Eigenständigkeit, ihre emotionale Abhängigkeit von Kandinsky, seine Sprunghaftigkeit, Egomanie und seine Depressionen. Ihr Haus wird zum Treffpunkt von Künstlern wie Franz Marc, Alexej Jawlensky und Marianne von Werefkin und sie wird eine der Gründungsmitglieder der Künstlergruppe „Blauer Reiter“.

Der erste Weltkrieg trennt Münter und Kandinsky. Münter trauert um ihren vermeintlich toten Geliebten und bricht zusammen, als er nach dem Krieg, frisch verheiratet mit einer anderen, über einen Anwalt seine Werke zurückfordert, die er bei ihr zurückgelassen hatte.

An diesem Tiefpunkt ihres Lebens trifft sie Eichner, Kunsthistoriker und Philosoph und späterer Lebensgefährte. Er hilft ihr, die Zeit des Nationalsozialismus ohne Inhaftierung zu überstehen. Höhepunkt des Buches ist die gemeinsame Rettung der Sammlung des Blauen Reiters vor dem Zugriff der Nationalsozialisten. Diese Rettungsaktion liest sich stellenweise wie ein echter Krimi. Nur durch Münters tapferes Engagement ist ein Großteil der Werke der „entarteten Kunst“ während des Nationalsozialismus nicht zerstört worden und kann noch bis 8. April im Münchner Lenbachhaus besichtigt werden.

Fazit: Ein leicht zu lesender Roman in angenehmer Schrift, der gut als Einstieg genutzt werden kann, sich mit dem Werk der Künstlerin näher zu beschäftigen. Die als „Galerie“ eingestreuten Bildbeschreibungen des Kunsthistorikers Eichner sind leider unbebildert, machen aber neugierig darauf, sich die Bilder von Gabriele Münter anzuschauen.

Wenn Sie interessiert daran sind, mehr über Gabriele Münter zu erfahren: Wir haben eine Liste empfehlenswerter Bücher erstellt, die in der Stadtbibliothek vorhanden sind. Der Titel ist übrigens auch als E-Book in der Franken-Onleihe zu finden.

Christine Lenhart

Lesetipp Februar 2018

Claudia Piñeiro: Ein wenig Glück

Nach 20 Jahren kehrt Marilé aus New York, wo sie sich als Mary Lohan ein neues Leben aufgebaut hat, an den Ort in Argentinien zurück, den sie nie wieder betreten wollte. Sie hat die Haare gefärbt, trägt dunkle Kontaktlinsen und hofft, dass niemand sie erkennt. Der Grund, warum sie damals so plötzlich verschwand, war ein tragischer Unfall. Sie war mit ihrem Auto mitten auf einem Bahnübergang steckengeblieben. Ihren sechsjährigen Sohn konnte sie noch aus dem Wagen retten, nicht aber seinen gleichaltrigen Schufreund, der bei diesem Unfall ums Leben kam. Mehr und mehr wurde die bisher so geachtete Lehrerin und Arztfrau von ihrer Umgebung angefeindet. Als sie bemerkt, dass auch ihr Sohn zunehmend ausgegrenzt wird, entschließt sie sich schweren Herzens, ihre Familie zu verlassen und irgendwohin zu fliehen. Zum Glück findet sie bald einen verständnisvollen Mann, der sie wieder aufbaut und ihr hilft, zu überleben. Doch nun, zurück in ihrer alten Heimat, wird sie wieder konfrontiert mit den Erinnerungen an das Unglück und muss sich ihren Schuldgefühlen stellen. Zufällig trifft sie auf ihren mittlerweile erwachsenen Sohn, zu dem sie all die Jahre keinen Kontakt hatte, und der als Kind natürlich nicht verstehen konnte, warum seine Mutter ihn verlassen hat. Jetzt ist sie sich unsicher, wie sie ihm begegnen soll.

Die argentinische Schriftstellerin Claudia Piñeiro hat hier einen sehr emotionalen Roman geschrieben über Schuld, Trauma und Vergebung, und wie ein einziger Augenblick ein ganzes Leben zerstören kann. In Rückblenden wird die ganze Lebensgeschichte von Marilé erzählt und, wie in einer Art Endlosschleife, immer wieder diese wenigen Minuten, die alles verändert haben.

Das Buch ist nur 218 Seiten kurz, aber die Geschichte ist sehr intensiv und hallt lange nach.

Sabine Köstler

Lesetipp Januar 2018

Jeannette Walls: Ein ungezähmtes LebenJeannette Walls: Ein ungezähmtes Leben

Im vergangenen Jahr lief im Kino die Literaturverfilmung „Schloss aus Glas“. Dieser Film hat mich dazu angeregt, die Bücher der Autorin Jeannette Walls zu lesen. In dem biographischen Roman „Ein ungezähmtes Leben“ erzählt Jeannette Walls die Geschichte ihrer Großmutter Lily: einer starken Frau, die im wilden Westen am Anfang des 20. Jahrhunderts in ärmlichen Verhältnissen aufwächst und nur kurz die Schule besuchen darf. Sie wird Lehrerin, führt gemeinsam mit ihren zweiten Mann eine große Ranch und lernt sogar das Fliegen. Ihre Tochter Rosemary entwickelt sich allerdings ganz anders. Mit der Tatkraft und dem Bildungshunger ihrer Mutter hat sie nichts gemein. Schweren Herzens muss Lily mit ansehen, wie Rosemary den Dampfplauderer Rex heiratet und mit ihm ein Kind nach dem anderen bekommt, ohne sich um diese zu kümmern. Jeannette Walls ist eines dieser vernachlässigten Kinder. Sie hat ihre eigene Lebensgeschichte eindrücklich in „Schloss aus Glas“ niedergeschrieben. Auch in ihrem zweiten Buch beweist Jeannette Walls ihr großes Talent zum Geschichtenerzählen. Sie setzt in dieser atemberaubenden wahren Geschichte ihrer tapferen Großmutter ein kleines Denkmal. Sehr lesenswert!

Den Titel gibt es auch als eBook und eAudio in der Franken-Onleihe sowie als Hörbuch.

Marlene Neumann

Lesetipp Dezember 2017

Nina Sahm: Das ganze Leben da draußenNina Sahm: Das ganze Leben da draußen

Zwei Außenseiterinnen stehen in diesem Roman im Mittelpunkt, den die in der Nähe von Nürnberg aufgewachsene Autorin in Island spielen lässt, um den beiden Frauen auf ihrer Suche einen Sehnsuchtsort entgegenzusetzen.

Elín ist eine eigenwillige verträumte 16-jährige Schülerin, die sich auf ein Leben in der Natur als Dokumentarfilmerin und Naturschützerin vorbereitet und die Tage bis zu ihrem 18. Geburtstag zählt.
Seit die Freundschaft mit ihrem besten Kumpel zerbrochen ist, isoliert sie sich vom sozialen Leben Gleichaltriger und konzentriert ihre ganze Energie darauf, einen jungen Polarfuchswelpen zu finden,  der im Stadtgebiet von Reykjavík umherirrt.

Ihre Lehrerin Alfa fühlt sich ebenfalls nicht wohl in ihrer Haut. Sie hadert mit ihrem Beruf und pflegt ihren demenzkranken Großvater, zu dem sie von Kind an eine sehr enge Bindung hat. Als dieser - für sie unvermittelt - Selbstmord begeht, muss Alfa nicht nur mit einer plötzlichen Leere in ihrem Leben fertig werden, sondern auch erkennen, dass ihr Großvater nicht der strahlende Held war, für den sie ihn immer gehalten hat. Durch den Tod des Großvaters nimmt sie nach Jahren wieder Kontakt zu ihrem Bruder Fin auf. Und als Elín sich in Fin verliebt, beschränkt sich die Gemeinsamkeit der beiden Frauen nicht nur auf die Schule.

In wechselnder Perspektive erzählt der Roman eindringlich und atmosphärisch dicht die Entwicklung der Frauen und am Ende würde man die beiden gerne noch ein Stück weiter begleiten.

Claudia Nägel

Lesetipp November 2017

Zsuzsa Bank: Schlafen werden wir späterZsuzsa Bank: Schlafen werden wir später

Márta und Johanna sind seit unzähligen Jahren befreundet, leben mittlerweile aber viele Kilometer voneinander entfernt: Johanna ist Lehrerin im Schwarzwald, Márta wohnt als Schriftstellerin mit ihren drei Kindern in Frankfurt am Main. Über die Entfernung hinweg schreiben sie sich E-Mails, berichten einander von ihren schlaflosen Nächten, sommerlichen Glücksmomenten, Alltags- und Lebensproblemen und den Menschen, die sie lieben. Johanna hat eine schwere Krankheit überstanden, eine langjährige Beziehung beendet und schreibt zwischen Schwarzwald-Tannen ihre Doktorarbeit; Márta kämpft in ihrem Alltag aus Geldverdienen und Kinder-Versorgen um die Zeit, ihren Erzählungs-Band fertig zu schreiben. An vielem zweifeln sie, an Beziehungen, Berufsentscheidungen, Lebensorten; lediglich eines ist über jeden Zweifel erhaben: ihre Freundschaft, die den beiden durch „sehr, sehr dunkle Winter“ hilft und schwerelose Stunden bei Milchkaffee und Schnaps auf Küchenbänken schenkt.

Zusza Bánk schreibt so eindrucksvoll und bildlich, dass man beinahe den Eindruck hat, mit Johanna durch den Schwarzwald zu radeln, mit Márta auf Lesereise zu gehen und mit den beiden auf der Küchenbank zu sitzen. Ein Buch, für das man selbst gerne das Schlafen auf ein wenig später verschiebt.

Diesen Titel gibt es auch als Hörbuch.

Katharina Leyrer

Lesetipp Oktober 2017

Gil Ribeiro: Lost in Fuseta

Schon der Titel des Buches ist mehrdeutig. Einerseits handelt der Kriminalroman vom deutschen Kriminalhauptkommissar mit Namen Lost, der im Rahmen eines europäischen Austauschprogramms von Hamburg nach Fuseta weggelobt wurde. Der Titel, der auch an „Lost in Translation“ erinnert, hat noch eine andere Bedeutung: Die Hauptperson des Buches, Leander Lost, ist ein Einzelgänger, der sich im realen Leben verloren fühlt. Er hat das Asperger-Syndrom und kann infolgedessen Gefühle, Körpersprache und Humor seiner Mitmenschen nicht verstehen bzw. richtig deuten. Wenn dann noch portugiesische Saudade auf deutsche Korrektheit trifft, sind Missverständnisse vorprogrammiert.

Seine neuen portugiesischen Kollegen nehmen ihn anfangs nur sehr widerwillig auf. Leanders Andersartigkeit, seine seltsamen Rituale und die fehlende Empathie sowie seine Unfähigkeit zu lügen sind seinen Kollegen völlig unverständlich. Doch seine Inselbegabungen, seine außergewöhnliche Sprachbegabung und sein fotografisches Gedächtnis führen das Trio bald zu den ersten kriminalistischen Erfolgen und schweißen das Team zusammen.

Der Krimi, in dem es um Mord, Bestechung und gefälschte Gutachten zur angespannten Lage der Trinkwasserversorgung an der Algarve geht, ist locker und humorvoll geschrieben und trotzdem spannend. Er ist auch eine Liebeserklärung an die portugiesische Lebensart, an das einfache Leben der Portugiesen in ihren Familien abseits des Tourismus. Und außerdem eine Liebeserklärung an besondere Menschen, deren reiches Potenzial sich nicht sofort erschließt.

Witzige Dialoge, unerwartete Wendungen, interessante Charaktere, die einem im Lauf der Handlung ans Herz wachsen – ich freue mich schon auf die Fortsetzung der Leander-Lost-Reihe.

Christine Lenhart

Diesen Titel gibt es auch als Hörbuch.

Lesetipp August 2017

Karen Duve: MachtKaren Duve: Macht

Hamburg im Jahr 2031: Die Klimakatastrophe ist in vollem Gange. Das Land leidet unter extremen Hitzewellen, Wirbelstürmen und alles überwuchernden genmanipulierten Pflanzen. Es gibt Pillen, die ewige Jugend versprechen, die aber mit großer Wahrscheinlichkeit krebserregend sind. Das kümmert allerdings kaum jemanden, weil man davon ausgeht, dass die Menschheit nur noch etwa fünf Jahre überleben können wird. In Deutschland herrscht eine Art feministische Demokratie, die Frauen haben die Männer aus den Machtpositionen verdrängt und versuchen z.B. mit CO2-Punkten für Fleischkonsum und Autofahren doch noch etwas zu retten. Es gibt einige Männer, die sich durch die Übermacht der Frauen in ihrer Ehre verletzt fühlen und dagegen rebellieren. Einer von ihnen ist Sebastian Bürger. In jungen Jahren hatte er sich sehr für Umweltschutz und Frauenrechte engagiert, ist aber jetzt vollkommen desillusioniert und weist deutlich psychopathische Züge auf. So hält er seit zwei Jahren seine Exfrau Christine in einem Kellerverlies gefangen, um an ihr seine Macho-Phantasien auszuleben. Anlässlich des  50-jährigen Klassentreffens, bei dem fast alle so jugendlich wie eh und je erscheinen, beginnt er eine Beziehung mit seiner Jugendliebe Elli. Bei dem Versuch, Christine nun so schnell wie möglich loszuwerden, kommt es zu einer Reihe von Problemen, was letzlich im totalen Chaos endet.

Die Autorin hat sich schon in Anständig essen und Warum die Sache schiefgeht mit umweltethischen Themen auseinandergesetzt. Mit diesem Roman hat sie ein bitterböses, sarkastisches Buch geschrieben, das stark polarisiert. Nicht nur wegen der heftigen Gewaltszenen ist es sicherlich nichts für zartere Gemüter, auch ihre äußerst pessimistischen Zukunftsaussichten mögen von vielen als zu überspitzt wahrgenommen werden. Dennoch ist die Geschichte spannend zu lesen und lässt einen schon ein wenig nachdenklich werden.

Sabine Köstler

Diesen Titel gibt es auch als Hörbuch und eAudio.

Lesetipp Juli 2017

Andy Weir: Der Marsianer

Eine Expedition auf dem Planeten Mars muss überstürzt abgebrochen werden. Schweren Herzens lässt die Crew ihren Kameraden Mark Watney zurück, den sie für tot halten. Doch Mark ist nicht tot, er hat überlebt und steht nun vor der Wahl: Aufgeben oder Durchhalten, bis die nächste Raumfähre den Mars erreicht. Während die Menschen auf der Erde um einen Astronauten trauern, setzt Mark all sein Können und Wissen ein, um am Leben zu bleiben. Und schließlich wird er auf den Satellitenbildern entdeckt. Ein spannendes Rennen um die Zeit beginnt, denn jetzt heißt es: Rettet Mark Watney!

Andy Weirs Sciencefiction-Roman hat mich beim Lesen ständig auf der Stuhlkante sitzen und mit Spannung die nächste Seite umblättern lassen. Man folgt dem Überlebenskampf auf dem Mars auf der einen und den Geschehnissen auf der Erde auf der anderen Seite, so dass keine Langeweile aufkommen kann. Herausragend ist die Figur des Mark Watney, der angesichts der aussichtslosen Lage seinen Optimismus und seinen Humor nie ganz verliert. Eine kurzweilige Lektüre.

Sarah Dlugokinski-Thoma

Diesen Titel gibt es auch als eBook in der Onleihe.

Lesetipp Juni 2017

Romeo und Romy

Romy gilt als großes Schauspieltalent und will die Bretter der Welt erobern. Dies schafft sie jedoch nicht und wird bei „Romeo und Julia“ nur Souffleuse. Und dann wird auch noch die Darstellerin der Julia auf sie eifersüchtig, weil Romeo – gespielt von Ben, dessen einziger Erfolg ein Waschmittel-Werbespot als „Frischedoktor“ ist – offensichtlich auf der Bühne stärker mit Romy als mit ihr interagiert. Daraufhin wird Romy gefeuert und kehrt als gescheiterte Existenz in ihr Heimatdorf zurück – noch dazu zu der Beerdigung ihrer Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist. Dort leben nur noch alte Leute, die alle versuchen, die letzten zwei Plätze auf dem Friedhof zu ergattern. Denn im Nachbarort will nun wirklich niemand begraben sein!

Um ihren Alten wieder ein Ziel und neuen Lebensmut zu geben, entschließt sich Romy, gegen alle Widerstände ihre Scheune in ein elisabethanisches Theater umzubauen und dort Romeo und Julia aufzuführen. Schauspieler sollen die Alten werden, die Regie soll der „Frischedoktor“ übernehmen. Der ist kurz nach Romy gefeuert worden und hofft nun, sich als Regisseur endlich beweisen zu können. Und natürlich darf die Liebe auch nicht zu kurz kommen.

Andreas Izquierdo schreibt sehr unterhaltsam, teilweise makaber, aber immer mit sehr viel Gefühl und Witz. Alle seine Figuren wirken real, alle haben ihren eigenen Charakter und eine eigene Geschichte. Zur Lektüre gerne empfohlen!

Hannah Scheske

Diesen Titel gibt es auch als E-Book.

Lesetipp Mai 2017

Ian MacEwan: Nussschale

Dieser Roman ist eine sehr ungewöhnliche Adaption von Shakespeares Hamlet.

Trudy, hochschwanger von ihrem Mann John, lebt mit dessen Bruder Claude zusammen. John hat das gemeinsame Haus, eine heruntergekommene Immobilie in guter Londoner Lage, vorläufig seiner Frau und ihrem Liebhaber überlassen. Die Brüder werden sehr gegensätzlich gezeichnet: auf der einen Seite John als feinsinniger Dichter, dort Claude als dummdreister Sexprotz. Um das Haus verkaufen zu können, hecken Trudy und Claude einen Giftmord an John aus.

Der ganze Plot wird allein von Trudys ungeborenem namenlosen Jungen erzählt. Hat man sich erst einmal auf dessen völlig unbabyhafte Weitsicht und Bildung eingelassen, verfolgt man die Geschichte aus ungewohnter Perspektive mit großem Vergnügen. So beengt dessen Lage im Mutterleib ist, so frei ist der Geist des Ungeborenen. Das Baby analysiert seine Lage, kommentiert und philosophiert dazwischen über den Zustand der Welt, die ihn erwartet. Es macht sich Gedanken, was aus ihm wird, da die Erwachsenen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind und niemand erkennbar für das Baby Vorsorge trifft.

Hin- und hergerissen zwischen der Solidaridät zu Mutter und Vater fiebern wir mit, ob der geplante Mord wirklich durchgeführt wird. Eloquent beschrieben erwarten wir gespannt den Ausgang der Geschichte, zu dem das Ungeborene überraschend aktiv beiträgt.

Claudia Nägel

Lesetipp April 2017

Das geträumte LandImbolo Mbue: Das geträumte Land

Die Familie Jonda aus Kamerun wandert auf der Suche nach einem besseren Leben in die USA ein. In New York, glauben sie, kann man alles erreichen, wenn man nur hart genug arbeitet. Und das tun sie: Jende fährt Taxi, Neni pflegt alte Leute und studiert Pharmazie. Die beiden wohnen gemeinsam mit ihrem sechsjährigen Sohn in Harlem. Das Geld ist knapp, der Bleibestatus unsicher. Als Jende einen Job als Chauffeur einer reichen amerikanischen Familie ergattert, scheint er das große Los gezogen zu haben. Doch die Finanzkrise macht beiden Familien einen Strich durch die Rechnung. Sie müssen erkennen, dass das Amerika der unbegrenzten Möglichkeiten, an das sie geglaubt haben, nur eine brüchige Illusion war.

Bis zum überraschenden Ende fühlt man als Leser mit beiden Familien mit. Imbolo Mbue lässt alle Figuren sehr glaubwürdig wirken, ohne in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. „Das geträumte Land“ ist ein vielschichtiger und hochaktueller Debütroman einer Autorin, die einst selbst von Kamerun nach New York gekommen ist. Ein Buch über Träume von einem besseren Leben, Verlustängste, Familie und Heimat, welches sich angesichts der gegenwärtigen politischen Lage in den USA und der ganzen Welt zudem durch eine hohe Aktualität auszeichnet. Lesenswert und zum Nachdenken anregend!

Marlene Neumann

Lesetipp März 2017

Sabine Weigand: Helga

Sabine Weigand, bekannte Autorin historischer Romane mit starken Frauen im Mittelpunkt, beschreibt in ihrem neuen Buch die wahre Geschichte der Helga F. Um möglichst authentisch und anschaulich deren Lebensgeschichte wiederzugeben, lässt Sabine Weigand Helga F. selbst in der Ich-Form und in ihrem typisch fränkischen Dialekt erzählen. Dabei ist ein sehr berührendes und gut zu lesendes Buch entstanden, denn Helga erzählt trotz ihres tragischen Schicksals mit viel Humor auch von den absurden Erfahrungen mit ihrem Anderssein.

1931 in Nürnberg in ärmlichen Verhältnissen geboren, von der Mutter weggegeben und der Stiefmutter misshandelt, merkt der kleine Hermann schon sehr früh, dass er eigentlich lieber ein Mädchen sein möchte. Aber es gibt keine Worte für diese Gefühle. Also versucht er sich anzupassen, heiratet die loyale und arglose Edith und gründet eine Familie. Doch dem Drang, als Frau zu leben, kann er sich nicht entziehen. Er vernachlässigt Familie und Beruf, ist nur noch auf seinen Wunsch, als Frau zu leben fixiert, bis es schließlich beinahe zur Katastrophe kommt.

1971 entscheidet er sich für eine operative Geschlechtsumwandlung in Casablanca, obwohl es noch keine Erfahrungen damit gibt. Als Helga kommt sie zurück und heiratet bald darauf einen Mann, kurz darauf heiratet auch Edith nochmals.

Helga leidet zwar an den Spätfolgen der Hormontherapie, hat aber ihren Entschluss zur Geschlechtsumwandlung nie bereut. Als ihre beiden Ehemänner 2013 sterben, zieht Edith, die ihr Leben lang zu Helga gehalten hat wieder bei ihr ein, als Freundin mit gemeinsamen Kindern und Enkeln. Das Leben schreibt doch die schönsten Geschichten.

Sabine Weigand ist sich treu geblieben. Sie hat wieder ein spannendes Buch mit einer starken Frau im Mittelpunkt geschrieben, diesmal vor zeitgeschichtlichem Hintergrund, der die Zeit des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders in Nürnberg aus der Sicht der kleinen Leute lebendig werden lässt.

Christine Lenhart

Lesetipp Februar 2017

Die Sache mit dem GlückMatthew Quick: Die Sache mit dem Glück

Bartholomew Neil ist 39 Jahre alt, als seine Mutter an einem Gehirntumor stirbt. Sie war bis dahin sein einziger Lebensinhalt. Denn er hat nie irgendetwas anderes getan, als für sie da zu sein, hat nie gearbeitet und auch sonst keine Interessen oder Freundschaften entwickelt. Nun stellt sich ihm die Frage, was er mit seinem Leben anfangen soll. Bei der Suche nach neuen Zielen wird er unterstützt von der Trauerbegleiterin Wendy und dem katholischen Priester Father McNamee, der sich schon immer sehr um die Familie gekümmert hat. Mit zunächst kleinen Schritten versucht Bartholomew  Anschluss an die normale Welt zu bekommen, z.B. mal mit einem Gleichaltrigen ein Bier trinken zu gehen oder sich vielleicht doch zu trauen, die junge Bibliothekarin anzusprechen, die er bei seinen Besuchen in der Bibliothek immer so gern beobachtet.

Um all diese für ihn teilweise verwirrenden Erlebnisse besser zu verarbeiten, schreibt er Briefe an Richard Gere, für den seine Mutter sehr geschwärmt hat. Er erzählt ihm von seinem bisherigen Leben und den aktuellen Entwicklungen, offenbart ihm seine Gefühle und Ängste, teilt mit ihm seine Reflexionen über das Glück und die Lehre des Dalai Lama. Diese Briefe sind der Inhalt des Romans.

Die Sache mit dem Glück ist ein sympathisches Buch mit vielen schrägen Charakteren und einem liebenswerten Protagonisten, der mit seiner anrührend naiven Gutmütigkeit ein wenig an Forrest Gump erinnert.

Sabine Köstler

Lesetipp Januar 2017

Die Grammatik der RennpferdeAngelika Jodl: Die Grammatik der Rennpferde

Sally Sturm, 52, unterrichtet Deutsch für Ausländer an einem Spracheninstitut. Ihre Leidenschaft gehört ihren Schülern, denen sie mit großem Engagement die deutsche Grammatik nahebringt und ein bisschen auch ihrem neuen Kollegen, der ihr seine Aufmerksamkeit jedoch nicht ungeteilt schenkt.
Ihr Kollege bestärkt Sally in ihrem Wunsch, mit einer wissenschaftlichen Arbeit akademische Anerkennung zu finden und als sie auf die Kleinanzeige "Brauch ich Lehrer für Deutsch. Bitte anrufen mir" stößt, meldet sie sich bei dem Inserenten, fest entschlossen, dessen Grammatikerwerb als Studie zu dokumentieren. Sergey, ein ehemaliger russischer Jockey, der als Stallbursche arbeitet, erweist sich für Sally als harter Brocken, zum einen, weil er kaum Zeit für den Sprachunterricht findet, zum anderen verfolgt er seine eigenen Ziele: Er braucht Sally als Strohfrau um ein Rennpferd zu kaufen. Wie Sally ihre Angst vor Pferden überwindet, sie und Sergey langsam Verständnis füreinander aufbauen und sich trotz ihrer unterschiedlichen Lebenswelten annähern, schildert die Autorin in diesem amüsant zu lesenden Roman mit großer Sympathie für ihre Figuren.

Claudia Nägel

Sachbuch-Tipp

Michael WolffMichael Wolffs Bericht aus dem Weißen Haus unter Trump ist auch bei uns ein Bestleiher. (in dt.. & engl.)

Roman-Tipp

Laetitia Colombani: Der ZopfLaetitia Colombani: Der Zopf

Der mitreissende Roman von Laetitia Colombani über die Schicksale dreier Frauen in Indien, Italien und Kanada ist nicht nur in Frankreich auf der Bestsellerliste gelandet. Die Filmrechte wurden bereits verkauft. Bei uns auch als Hörbuch verfügbar.

Krimipreis

Oliver BottiniDer Deutsche Krimipreis 2018 in der Sparte National geht an Oliver Bottini. Wir haben Ihnen eine Medienliste zusammengestellt.

Film-Tipp

Fack Ju Göthe 3

Auch Teil 3 der deutschen Filmkomödie mit Elyas M'Barek alias Herr Müller gehört zu den DVD-Bestleihern.

Jugendbuch-Tipp

Ursula Poznanski: Elanus

In dem Thriller "Elanus" geht es um das 17-jährige Genie Jona, der ein Stipendium an einer Elite-Uni bekommt. Sein geheimes Hobby: Leute mit seiner Drohne Elanus auszuspionieren. Durch die Entdeckung, die er eines Tages macht, kommt er einem großen Gebäude aus Lügen auf die Spur, was nicht nur für ihn lebensbedrohlich ist.
Johannes (16 Jahre)

Neu in Deutschland

Die Stadtbibliothek hat eine Medienliste zum Thema Neu in Deutschland zusammengestellt. Hier finden Sie Bücher, die Migranten das Einleben in Deutschland erleichtern sollen. Aber auch Personen, die mit Flüchtlingen und deren Familien arbeiten oder sie betreuen, sei es ehrenamtlich oder beruflich, werden in dieser Liste interessante Titel finden.