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Lesetipp September

Thea Dorn: TrostThea Dorn: Trost

In seinem Debütroman erzählt der französische Autor die Geschichte von Guylain Vignolles. Einem Mann voller Eigenheiten am Rande der Gesellschaft. Schon in seiner Kindheit hatte er es schwer, denn wenn man bei seinem Namen nur zwei Silben vertauscht, ergibt das Vilain Guignol, was so viel bedeutet wie „dummer Kasper“. Deswegen ist es ihm am liebsten, unsichtbar zu sein und schnell vergessen zu werden. Seine besten Freunde sind sein Goldfisch, ein ehemaliger Kollege, der einen ungewöhnlichen Sammelzwang hat und der Wachmann Yvon Grimbert, der nur in Versen spricht.

Außerdem hasst Guylain seine Arbeit. Jeden Tag wird er aufs Neue gezwungen, die Bestie zu füttern oder auch Zerstör 500. Sein ganz persönliches Monster, denn alles was es tut, ist das Schreddern und Zerstören von Büchern.

Sein einziger Lichtblick jeden Tag ist das Vorlesen im 6-Uhr-27-Zug, um ein paar einsamen geretteten Blättern wieder Leben einzuhauchen. Der monotone, graue Alltag des Vorlesers endet jedoch an dem Tag, als er in genau diesem Zug einen roten USB-Stick findet. Auf diesem entdeckt er das Tagebuch einer ganz besonderen Frau und beschließt, sich auf die Suche nach ihr zu machen. Dabei findet er sich auf einer Reise zu sich selbst und den schönen Seiten des Lebens wieder.

Protagonistin dieses Briefromans ist Johanna, eine knapp 50-jährige Journalistin. Ihre Mutter, mit 84 Jahren  immer noch Betreiberin einer Künstleragentur, war, trotz aller Warnungen, zu Beginn der Pandemie nach Italien gereist. Sie hatte sich dort infiziert, landete letztlich auf der Intensivstation und ist dort, wie so viele, einsam gestorben, ohne dass die Tochter sie nochmal sehen konnte.

In dieser schwierigen Zeit erhält Johanna eine Postkarte mit der Frage, wie es ihr gehe von ihrem ehemaligen Philosophieprofessor Max, der zurückgezogen auf einer griechischen Insel lebt.

Dies ist der Anfang einer langen Korrespondenz, in der Johanna sich ihren Frust von der Seele schreibt, ihre Wut über den Leichtsinn ihrer Mutter, ihre Verzweiflung über die Unmenschlichkeit der pandemiebedingten Einschränkungen, die ihr einen würdevollen Abschied unmöglich machen. Max antwortet jeweils nur, indem er auf Kunstpostkarten kurze Fragen aufwirft, während Johanna in seitenlangen Briefen die aktuelle Situation reflektiert. Sie schreibt über ihre Trauer, philosophiert über die Frage, ob und wie man in diesen trostlosen Zeiten Trost finden kann, über den Umgang der Gesellschaft mit der Pandemie und ob es Sinn macht, aus Angst vor dem Tod auf das Leben zu verzichten.

Das Buch spiegelt die Situation während der ersten Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 wieder, ist aber, angesichts der momentanen Entwicklungen immer noch aktuell. Wenn man dazu bereit ist, sich darauf einzulassen, kann man hier – unabhängig davon welche Position man selbst bezieht – verschiedene Sichtweisen auf die ganze Problematik kennenlernen, z. B. von Menschen, die tatsächlich unter diesen Umständen jemanden verloren haben oder – so wie praktisch die gesamte Kulturbranche und viele andere – in ihrer Existenz bedroht sind.

Gerade in diesen Zeiten eine lohnende Lektüre!

Sabine Köstler

Lesetipp August

Marie Force: Mein Glück mit dirMarie Force: Mein Glück mit dir (Green-Mountain-Serie, 10)

In ihrer 11-bändigen Green-Mountain-Serie entführt uns Marie Force in die Mitte der Großfamilie Abbott, sowie in die wunderschöne und unberührte Landschaft von Vermont – eine kleine Auszeit in dieser unbeständigen Zeit.

Wir sind in Butler, einer fiktiven amerikanischen Kleinstadt in Vermont. Hier leben Molly und Lincoln Abbott mit ihren zehn bereits erwachsenen Kindern: Hannah und Hunter, ein Zwillingspaar, Will, Ella, Charlotte, Wade, Colton, Lucas und Landon, ebenfalls ein Zwillingspaar, und Max. Sie sind eine Großfamilie wie sie im Buche steht. Sie leben, lachen und weinen gemeinsam und führen nebenbei den Green Mountain Country Store. Zu guter Letzt gibt es noch Großvater Elmer. Zusammen mit seinem Schwiegersohn Lincoln mischt er sich liebend gerne in das Leben seiner Enkelkinder ein. Im Laufe der Geschichte lernen wir alle Familienmitglieder kennen. So widmet sich jedes Buch einem anderen Familienmitglied, man taucht ein in dessen Leben und erfährt mehr über deren Motivationen, Gefühle und Gedanken. Natürlich gibt es auch noch Interessantes über die weiteren Charaktere aus den dazugehörigen Bänden zu lesen.

Warum ich die Serie empfehle?

Seit 2017 studiere ich, neben meiner Arbeit in der Stadtbibliothek Erlangen, Bibliothekswissenschaft. Diese Doppelbelastung nimmt mir zusehends meine Lust am Lesen. Für keinen Roman oder Krimi habe ich die Ruhe und Muße mich länger hinzusetzen. Einzig die Reihe von Marie Force habe ich stets verfolgt. Die kleine Stadt Butler, in der jeder jeden kennt, die herzliche Großfamilie Abbott, sowie die kleinen Probleme und Happy Ends machen die Bücher zu einer Feel-Good-Reihe. Wer eine kleine Auszeit in dieser unbeständigen Zeit sucht und literarisch auch einmal nicht so hohe Ansprüche stellt, sollte es einmal mit Familie Abbott probieren. Ich “flüchte” Abends zur Zeit immer wieder nach Vermont. Derzeit verfolge ich das Leben von Lucas Abbott (Band 10).

Yvonne Reinhardt

Lesetipp Juli

Juli Zeh: Über MenschenJuli Zeh: Über Menschen

Die Mittdreißigerin Dora zieht mit ihrer Hündin namens Jochen-der-Rochen von Berlin ins brandenburgische Örtchen Bracken. Sie flüchtet vor ihrem Freund Robert, der als Klimaaktivist kein anderes Thema mehr kennt. Immer verbissener verfolgt er sein Ziel, die Welt zu retten, und wird zunehmend intoleranter seiner Umwelt gegenüber. Doras neue Nachbarn in Bracken sind Gote, der „Dorf-Nazi“, und seine Tochter Franzi. Auf den ersten Schock ihrerseits folgt eine allmähliche Annäherung der drei Protagonisten und ein Hineinwachsen Doras in das Dorfleben.

Als Nebenschauplätze spricht Juli Zeh brisante Themen an: Klimawandel, Rassismus, Stadt-Land-Gefälle. Und das sehr aktuell vor dem Hintergrund des ersten Lockdowns in der Coronakrise. Hochinteressant, wie unterschiedlich die Figuren des Romans die Krise betrachten und mit ihr umgehen.

Hier freunden sich Menschen miteinander an, die aus maximal entgegengesetzten Milieus kommen. Dora ertappt sich bei ihren Vorurteilen gegenüber Gote und ist irritiert, wenn diese nicht zutreffen. Sie muss ihr Bild, dass sie von anderen hat, zurechtrücken und erkennen, dass sie einem Schwarz-Weiß-Denken unterliegt. Sie ringt arg mit ihren Einstellungen und Überzeugungen und fragt sich, ob sie mit jemandem wie Gote befreundet sein kann. Letztendlich öffnet sie sich und es ist zutiefst menschlich und befreiend, alles Bewerten, Kategorisieren und Verurteilen ein Stück weit hinter sich zu lassen.

Juli Zeh ist eine vortreffliche Beobachterin unserer Gegenwart und deckt gesellschaftliche Widersprüche pointiert auf.

Ein erkenntnisreiches Buch und deshalb sehr zu empfehlen!

Susann Wagner

Lesetipp Juni

Perfektionismus ist ein ArschlochAlbert, Attila: Perfektionismus ist ein Arschloch

Es ist ein Problem, das viele von uns kennen: Perfektionismus verunsichert, blockiert und zieht runter. Doch damit ist jetzt Schluss! Attila Albert schreibt in seinem Ratgeber über den Weg raus aus der Perfektionismus-Falle für ein Leben mit weniger Stress und mehr Gelassenheit! Denn gut genug ist im wahren Leben meist am besten.

Der Ratgeber von Attila Albert dreht sich ganz um das Thema Perfektionismus. Dieser führt in den meisten Fällen jedoch nur zu Stress und Unzufriedenheit. Der britische Autor legt ganz bewusst den Finger in die Wunde, jedoch humorvoll und ohne erhobenen Zeigefinger. Er erzählt aus seinen Erlebnissen als Life-Coach, in denen Klient*innen aus unterschiedlichen Gründen scheiterten und nach Veränderung strebten.

Was sie alle gemeinsam hatten, war der Wunsch nach Perfektion. Er analysiert auf humorvolle Weise, was in den jeweiligen Lebenslagen problematisch war und zeigt anhand dessen Lösungswege auf. In dem Ratgeber hat Attila Albert außerdem einen Selbsttest integriert, bei dem man herausfinden kann, welcher Perfektionismus-Typ man ist. Auch hier erklärt er mit Beispielen woran man diese Typen erkennen kann, welche Auswirkungen und Nutzen sie haben. Er gibt viele praktische Tipps und Tricks, die helfen können alte Muster zu durchbrechen und neue Wege zu gehen. Er schreibt auch über seine Vergangenheit, wie er seinem Perfektionismus auf den Grund gegangen ist und wie er ihn hinter sich lassen konnte.

Ich hatte beim Lesen dieses Buches das ein oder andere „Aha-Erlebnis“. Attila Albert bringt die Dinge auf den Punkt, ohne dabei belehrend zu wirken. Man spürt, dass er bei seiner Arbeit als Coach viele Erfahrungen mit Menschen und ihren unterschiedlichen Herausforderungen sammeln konnte. Durch die aus dem Leben gegriffenen Beispiele schafft er es, dass man sich in deren Lage wiederfinden kann. Er gibt tolle Übungen und Tipps, um den eigenen Perfektionismus kritisch zu hinterfragen oder anzugehen, man kann Kapitel für Kapitel etwas mitnehmen. Sein sympathischer, einfacher und humorvoller Schreibstil ließ mich das Buch kaum aus der Hand legen. Ich kann allen, die nach neuen Denkanstößen und mehr Gelassenheit suchen, dieses Buch nur empfehlen. Es lohnt sich!

Anna-Lena Schäffner

Lesetipp Mai

Ein Jahr voller WunderClemency Burton-Hill: Ein Jahr voller Wunder

Dieses Buch wurde mir während eines anregenden Gespräches mit einer Nutzerin empfohlen. Sie hat durch „Ein Jahr voller Wunder“ immer wieder selbst zum Instrument gegriffen und sich zum Nachspielen inspirieren lassen. Das wunderschön gestaltete Buch hat auch mich sofort angesprochen: Die goldenen Noten und Coverinnenseiten wirken sehr edel.

Die Autorin Clemency Burton-Hill, preisgekrönte Violinistin und BBC-Radiomoderatorin, hat einen immerwährenden, klingenden Musikkalender geschaffen.

Viele Hörer*innen ihres Senders, Familie und Freunde, wünschten sich von ihr Klassik-Empfehlungen zu unterschiedlichen Anlässen: Zur Unterstützung beim Lernen, um Babys zu beruhigen oder die Eltern des neuen Partners zu beeindrucken. Bloß wo anfangen, wenn man von klassischer Musik begleitet gärtnern, trainieren oder die Wäsche aufhängen möchte? Dieses Buch gibt Orientierung. Es ist eine Schatzkiste mit Werken aus 1000 Jahren klassischer Musik.

Clemency Burton-Hill lädt die Leser*innen damit ein, im stürmischen Alltag innezuhalten und sich täglich die Zeit zu gönnen, sich einige Minuten mit einem Musikstück zu beschäftigen. Die Stücke haben immer einen Bezug zum jeweiligen Tag und enthalten Interessantes und Kurioses. Der 26. Januar ist beispielsweise der Australian Day. Deshalb wird die aufregende, zeitgenössische Komponistin Elena Kats-Chernin aus Down Under vorgestellt. Die „Unsent Love Letters“ sind von den nie abgeschickten Liebesbriefen des introvertierten, schüchternen, französischen Komponisten Eric Satie inspiriert. Er versank privat im Chaos und die Briefe an seine Geliebte, Muse und Nachbarin wurden Jahre nach seinem Tod von Freunden gefunden. Kats-Chernin schuf daraus 25 meditative Klavierminiaturen. Natürlich kann man das Buch auch „Bibliothekstauglich“ innerhalb der Ausleihfrist lesen. Zum Buch gibt es eine Playlist im Diogenes Verlag, um kurz in die Werke hineinhören zu können, sowie in der Naxos Music Library der Stadtbibliothek eine Titelliste für die ersten Tage im Mai. Danach könnt ihr stöbern und euch die schönsten Aufnahmen aussuchen.

Ich finde es wunderbar, mich mit Musik durchs Jahr tragen zu lassen und empfehle das Buch von Herzen weiter.

Karin Rosa

 

Lesetipp April

Die Lebende ToteDie lebende Tote

„Die lebende Tote“ von Oliver Vatine (Text) und Alberto Varanda (Zeichnungen) vereint Science-Fiction, Schauerroman und Horror à la Lovecraft in einem Album.

Die Menschen haben die Erde verlassen und sich auf dem Mars angesiedelt. Der Wissenschaftler Joachim Bostrom ist von der „alten Erde“ fasziniert und zögert nicht lange, als ihm ein mysteriöses Projekt auf diesem Planeten angeboten wird.

Dort lebt in einem Schloss Martha in Begleitung des stummen Cyborg Hugo und der Riesenspinne Vanda. Martha ist von dem Gedanken besessen, ihre verstorbene Tochter Lise wiederzubeleben. Dazu ist ihr jedes Mittel recht. Mit der Hilfe von Joachim will sie Lise klonen.

Joachim ist die Situation nicht geheuer, doch die Faszination ist größer als der Zweifel. Anfangs sieht es so aus, als würde das Experiment gelingen. Leider wird aus dem Traum von der Schöpfung schnell ein Alptraum…

Die Kombination von Science-Fiction und Schauerroman funktioniert in diesem Album wunderbar. Wo Victor Frankenstein noch Blitze brauchte, stehen Martha und Joachim fantastische Technologien zur Verfügung. Die Bilder schaffen eine schaurig schöne Atmosphäre und tragen die Leser*innen durch die Geschichte.
Da es sich um einen Einzelband handelt, fällt die Charakterisierung der Figuren etwas schmal aus. Der Geschichte tut dies zum Glück keinen Abbruch.

Am besten genießt man diese Geschichte in der Dämmerung oder in der Nacht, allein im Lieblingssessel mit Leselampe und einem heißen Getränk.

Sarah Dlugokinski-Thoma

Lesetipp März

Buchcover Die Schule meines Lebens von Matze HielscherMatze Hielscher: Die Schule meines Lebens

Was treibt euch an? Wo findet ihr Inspiration? Wie entwickelt ihr Ideen? Und was passiert, wenn ihr mal nicht weiterkommt? In „Die Schule meines Lebens“ spricht Matze Hielscher mit Musiker*innen, Schauspieler*innen, bekannten Persönlichkeiten und kreativen Köpfen über ihre Wegweiser, Arbeitsweisen und Lebensweisen. Matze Hielscher ist einer der Gründer von „Mit Vergnügen“ – einem digitalen Stadtmagazin für Berlin, Hamburg, Köln und München. Zudem sind dort unterschiedlichste Podcast-Formate angesiedelt. So auch „Hotel Matze“, der Interview-Podcast, bei dem ihm die Gäst*innen über ihre Einflüsse, eingeschlagenen Wege und Einstellungen erzählen.

Die Highlights der über 100 Interview-Podcast-Folgen finden sich in diesem Buch – eingeteilt in drei Abschnitte – wieder. Hier fungieren unter anderem Personen wie Anne Will, Jürgen Vogel, Frank Elstner und Fynn Kliemann als Wegweiser, die zum täglichen Produzieren und nicht nur Konsumieren animieren. Wichtig dabei ist es, viele Dinge auszuprobieren und dann den Fokus daraufzulegen, was einen selbst erfüllt. Dazu gehört auch das Loslassen von festgefahrenen Ideen. Christoph Niemann, Axel Bosse und Sabine Rückert erzählen von ihren Arbeitsweisen, die vor allem auf kreatives Schaffen abzielen und inspirierend sein können. Zudem gewährt das Buch wie auch die einzelnen Podcast-Folgen einen Einblick in die Lebensweisen, zum Beispiel von Dunja Hayali, die für mehr Menschlichkeit plädiert und für ihre Bodenständigkeit dankbar ist. Ebenso erfährt man von Benjamin von Stuckrad-Barres Schreibverhalten und die Dankbarkeit für gute und großzügige Freundschaften.

So findet Matze Hielscher bei jeder interviewten Person eine Sache, die er von eben dieser gelernt bzw. mitgenommen hat und nun an die Leser*innen weitergibt.

Wer den Podcast bisher nicht kennt, kann unabhängig davon „Die Schule meines Lebens“ genießen und auf sich wirken lassen. Ich selbst habe erst anschließend einzelne Podcast-Folgen – zu Personen, die mich besonders interessierten – nachgehört. Das Buch musste ich auf Etappen lesen. Nicht, weil es besonders schwere Kost beinhaltet, sondern um das Gelesene zu reflektieren oder um für das eigene Mindset Notizen zu machen. Wenn man sich darauf einlassen kann und interessiert an der ein oder anderen interviewten Person ist, bereitet dieses Buch Freude und inspiriert.

Heike Ossadnik

Lesetipp Februar

AmericanahChimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Nigeria in den 90er Jahren: Ifemelu und Obinze werden schon während der Schulzeit ein Paar. Ihre Wege trennen sich, als Ifemelu zum Studieren in die USA geht. Dort kommt sie nach und nach an, baut sich eine Existenz auf und findet neue Partner. Doch wo ist ihr Zuhause? In Amerika ist sie eine Schwarze, in Nigeria eine Americanah. Ihre Beobachtungen und Überlegungen zu Identität und Rassismus verarbeitet sie in einem Blog. Der zum Erfolg wird! Nach vielen Jahren in Princeton zieht es sie zurück nach Lagos. Dort trifft sie Obinzi wieder, der mittlerweile Frau und Tochter hat.

Die Blogbeiträge von Ifemelu über rassistische Alltagserfahrungen werden wie kleine klug und verständlich formulierte Essays in die Geschichte eingestreut. Deshalb ist dies nicht nur ein mitreißender Gegenwartsroman, sondern auch ein politisches Buch, durch das ich wirklich viele Denkanstöße zum Thema Rassismus erhalten habe. Adichie hat zudem ein besonderes sprachliches Talent, ihren Figuren, Tiefe zu verleihen. Es ist, als schlüpfe man direkt in Ifemelu und all die anderen Personen hinein, um die Welt, wie sie sich für sie darstellt, aus ihren Blickwinkeln zu erleben. Nicht zuletzt handelt es sich um eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich jemals gelesen habe. Es lohnt sich also!

Marlene Neumann

Lesetipp Januar

Unter uns das MeerAmity Gaige: Unter uns das Meer

Im Zentrum des Romans steht die Beziehung von Juliet und Michael, verheiratet, zwei Kinder von sieben und knapp drei Jahren, beheimatet in Connecticut, USA.

Juliet hat Depressionen, leidet darunter, ihre Dissertation nie beendet zu haben und ist unglücklich in der konventionellen Rollenaufteilung einer Kleinfamilie gefangen. Auch Michael ist nicht glücklich und sehnt sich nach mehr Freiheit. Im Alltag kommen die unterschiedlichen Lebenseinstellungen von Juliet und Michael immer mehr zu tragen, sie haben ihre gemeinsame Basis verloren.

Um ihre Ehe zu retten, überredet Michael seine Frau zu einem einjährigen Segeltörn in der Karibik. So brechen sie mit den Kindern auf nach Panama, kaufen ein Boot und stechen von dort in See.

Die Geschichte wird rückschauend von Juliet erzählt, als Gegenpart ergänzt von den als „Logbuch“ bezeichneten Tagebucheinträgen Michaels. Reflexionen über Situationen ihres Alltags und ihrer Beziehung wechseln sich ab mit den Beschreibungen des Segeltörns der ziemlich unerfahrenen Segler.
Wir nehmen teil am Alltag mit den Kindern an Bord, erleben die Schönheit der Karibik, teilen das Gefühl von Freiheit der Protagonisten, fiebern mit ihnen bei den Kämpfen mit den Naturgewalten.

Der fesselnd geschriebene Roman lebt von dem Kontrast von Innenwelten und der Konfrontation mit völlig neuen Lebenssituationen und obwohl es sich relativ bald herausstellt, dass das Abenteuer nicht gut ausgeht, hält er die Spannung bis zum Schluss.

Claudia Nägel

Lesetipp Dezember

Anne Weber: Annette, ein HeldinneneposAnne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber hat eine originelle romanhafte Biografie einer außergewöhnlichen Frau verfasst. Für dieses Buch, in dem sie der 1923 in der Bretagne geborenen Anne Beaumanoir, genannt Annette, einer Heldin der Resistance, ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt hat, erhielt Weber den Deutschen Buchpreis 2020.

Annette engagierte sich bereits als Jugendliche in der kommunistischen Resistance und rettete zwei jüdische Jugendliche vor den Nazis. Nur kurz führte sie ein bürgerliches Leben als Neurophysiologin in Marseille mit Ehemann und drei Kindern, blieb aber weiterhin ihren Idealen, den Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit treu. Wegen ihres Engagements für die algerische Unabhängigkeitsbewegung wurde sie in Frankreich verurteilt. Um nicht für zehn Jahre ins Gefängnis zu müssen, floh sie ohne Ehemann und Kinder nach Nordafrika, wo sie die Unabhängigkeitsbewegung noch jahrelang unterstützte und das algerische Gesundheitssystem mit aufbaute.

Anne Weber erzählt dieses ungewöhnliche Leben in passend unkonventioneller Weise. Sie wählt die Form des Epos, verzichtet auf Reimzwang und schafft rhythmische Verse. Die Autorin erzählt episodisch, streut historische Sachinformationen und Klassikerzitate ein und führt den Leser mit leichter Hand durch Annettes wechselvolles Leben, das durch Mut, Idealismus und den Kampf um Gerechtigkeit geprägt ist.

Doch Weber beschreibt in ihrem Epos nicht nur das abenteuerliche Leben ihrer Heldin, sondern geht auch der Frage nach, was Annette in den Widerstand getrieben hat. Weber verschweigt nicht den Preis, den Annette und ihre Familie für dieses widerständische Leben bezahlt haben. Sie betrachtet Annettes Heldentum sehr differenziert und entgeht damit der Gefahr einer Glorifizierung.

Unerwartet lässt die Autorin immer wieder Ironie und Humor aufblitzen. Deutlich spürbar ist ihre Lust an der deutschen und französischen Sprache, humorvoll ihre historischen Einschübe, wie den Sitzkrieg, in Englisch „phoney war“, der in Frankreich wegen der bekannt schlechten Englischkenntnisse der Franzosen laut Weber zu einem „funny war“, einem „lustigen Krieg“ wurde.

Fazit: Ein besonderes Buch, das einer außergewöhnlichen Frau mit einem originellen Schreibstil gerecht wird und sich verblüffend leicht liest.

Christine Lenhart

Lesetipp November

Einfach LebenHerman Koch: Einfach leben

Tom ist ein erfolgreicher Sachbuchautor, auch sein neuester Ratgeber „Einfach leben“ hat es wieder in die Bestsellerlisten geschafft. Er ist glücklich verheiratet, hat zwei bereits erwachsene Söhne und ist felsenfest davon überzeugt, das Leben im Griff zu haben. Eines Tages wendet sich seine Schwiegertochter an ihn und bittet ihn verzweifelt um Hilfe, weil ihr Mann Stefan – also sein Sohn – sie wiederholt geschlagen hat. Obwohl er – ist er doch ein anerkannter Lebenshilfe-Experte – ihr verspricht, sich des Problems anzunehmen und mit seinem Sohn zu reden, stellt sich heraus, dass er, entgegen seiner Selbstwahrnehmung, komplett unfähig ist, mit realen Unannehmlichkeiten umzugehen. Erst einmal behält er alles für sich, kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass sein geliebter Stefan zu so etwas fähig ist, sucht insgeheim die Schuld bei seiner ungeliebten Schwiegertochter und bietet ihr Gespräche an. Eine Unterredung mit seinem Lieblingssohn, wo er ihn mit seinem Fehlverhalten konfrontieren müsste, schiebt er so lange vor sich her, bis es dafür zu spät ist.

Dem niederländischen Autor ist hier eine herrlich witzige und bitterböse Satire auf die allgegenwärtige Flut von mehr oder weniger banalen Ratgeberbüchern gelungen. Zugleich ist das Büchlein ein amüsantes Lehrstück in Sachen Selbstüberschätzung und allzu unkritischer Elternliebe. Manchmal ist leben halt doch nicht so einfach.

Sabine Köstler

Lesetipp Oktober

Katja Oskamp: Marzahn, mon amour

Ich kenne und mag Katja Oskamp als Schriftstellerin. Nun schulte sie zur Fußpflegerin um und hat mit „Marzahn, mon amour – Geschichten einer Fußpflegerin“ darüber ein Buch geschrieben. Das hat mich neugierig gemacht, also schnappte ich mir das Buch und ließ mich überraschen. Laut Klappentext ist die Autorin „Mitte vierzig, als ihr das Leben fad wird. Das Kind ist aus dem Haus, der Mann ist krank, die Schriftstellerei, der sie sich bis dahin gewidmet hat: ein Feld der Enttäuschungen.“ Eine Bekannte bringt sie auf die Idee mit der Umschulung und bei eben dieser Bekannten fängt sie in Berlin-Marzahn in ihrem neuen Beruf an zu arbeiten.

Die Autorin schreibt auf, was sie an ihrem Arbeitsplatz hört. Es sind die Geschichten von Menschen, die teils seit dem Bau des Stadtteils dort leben und eine Menge erzählen können: vom Ende der DDR, den Umbrüchen nach der Wende und dem Sich-Einrichten in der Gegenwart. Die Rentnerin, der Ex-Funktionär, die jugendlichen Töchter von Schriftsteller-Freundinnen – sie alle kommen zu Wort.

Katja Oskamp erzählt die Geschichten ihrer Protagonisten sehr respektvoll und zugleich mit viel Witz und großer Empathie. Ich muss lachen und mir ist gleichzeitig ganz melancholisch zumute. Der*Die Lesende erfährt so einiges über einen Stadtteil, der gar nicht so trist und seelenlos zu sein scheint, wie sein ihm vorauseilender Ruf. Es ist ein Buch, das berührt und deshalb sehr zu empfehlen ist!

Susann Wagner

Lesetipp September

Olivia Vieweg: EndzeitOlivia Vieweg: Endzeit

Die Erde wurde von Zombies überrannt. Auf dem Weg von Weimar nach Jena treffen die traumatisierte Vivi und die taffe Eva aufeinander. Um zu überleben, schließen sich die beiden notgedrungen zusammen.

Neben einigen Zombies kämpfen Eva und Vivi mit ihren ganz eigenen Dämonen. Eva nutzt ihre Stärke und ihren Überlebenswillen wie Schwert und Schild und versucht, die Vergangenheit einfach hinter sich zu lassen. Vivi, die in Weimar sehr behütet gelebt hat, muss auf der Reise ihre eigene Stärke erst entdecken. Letztendlich ergänzen sich beide und aus der Schicksalsgemeinschaft wächst eine Freundschaft.

Olivia Vieweg lässt es eine Figur sogar aussprechen: Die Zeit der Menschen ist zu Ende. In ihren Bildern schwingt diese Stimmung oft mit. Sie vermitteln eine friedliche Sanftheit, als sei es schon in Ordnung, dass es zu Ende geht. Das Unausweichliche lässt sich nicht aufhalten, also lasst uns das Beste daraus machen.

In Endzeit geht es nicht um die Rettung der Menschheit. Es geht um die Geschichte von zwei Frauen und das Finden von innerem Frieden und Stärke. Und obwohl die Lage aussichtslos ist, lässt mich das mit einem Gefühl von Hoffnung zurück.

Sarah Dlugokinski-Thoma

Wir empfehlen!

Weitere Lesetipps finden Sie im Blog der Stadtbibliothek.

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Im Rhodesien der 60er-Jahre. Im ersten Teil ihrer Trilogie schildert die diesjährige Preisträgerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels Tsitsi Dangarembga anrührend den zähen Kampf des Dorfmädchens Tamba um Bildung.
Auch als E-Book in der Franken-Onleihe.

Film-Tipp

Raya und der letzte Drache

Raya und der letzte Drache

Die tapfere Kriegerin Raya muss den letzten verbliebenen Drachen aufspüren, um ihre Heimat Kumandra zu retten. Eine aufregende und gefährliche Reise voller magischer Wesen und Abenteuer. Unser Film-Tipp des Monats für die ganze Familie!