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Lesetipp November

Einfach LebenHerman Koch: Einfach leben

Tom ist ein erfolgreicher Sachbuchautor, auch sein neuester Ratgeber „Einfach leben“ hat es wieder in die Bestsellerlisten geschafft. Er ist glücklich verheiratet, hat zwei bereits erwachsene Söhne und ist felsenfest davon überzeugt, das Leben im Griff zu haben. Eines Tages wendet sich seine Schwiegertochter an ihn und bittet ihn verzweifelt um Hilfe, weil ihr Mann Stefan – also sein Sohn – sie wiederholt geschlagen hat. Obwohl er – ist er doch ein anerkannter Lebenshilfe-Experte – ihr verspricht, sich des Problems anzunehmen und mit seinem Sohn zu reden, stellt sich heraus, dass er, entgegen seiner Selbstwahrnehmung, komplett unfähig ist, mit realen Unannehmlichkeiten umzugehen. Erst einmal behält er alles für sich, kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass sein geliebter Stefan zu so etwas fähig ist, sucht insgeheim die Schuld bei seiner ungeliebten Schwiegertochter und bietet ihr Gespräche an. Eine Unterredung mit seinem Lieblingssohn, wo er ihn mit seinem Fehlverhalten konfrontieren müsste, schiebt er so lange vor sich her, bis es dafür zu spät ist.

Dem niederländischen Autor ist hier eine herrlich witzige und bitterböse Satire auf die allgegenwärtige Flut von mehr oder weniger banalen Ratgeberbüchern gelungen. Zugleich ist das Büchlein ein amüsantes Lehrstück in Sachen Selbstüberschätzung und allzu unkritischer Elternliebe. Manchmal ist leben halt doch nicht so einfach.

Sabine Köstler

Lesetipp Oktober

Katja Oskamp: Marzahn, mon amour

Ich kenne und mag Katja Oskamp als Schriftstellerin. Nun schulte sie zur Fußpflegerin um und hat mit „Marzahn, mon amour – Geschichten einer Fußpflegerin“ darüber ein Buch geschrieben. Das hat mich neugierig gemacht, also schnappte ich mir das Buch und ließ mich überraschen. Laut Klappentext ist die Autorin „Mitte vierzig, als ihr das Leben fad wird. Das Kind ist aus dem Haus, der Mann ist krank, die Schriftstellerei, der sie sich bis dahin gewidmet hat: ein Feld der Enttäuschungen.“ Eine Bekannte bringt sie auf die Idee mit der Umschulung und bei eben dieser Bekannten fängt sie in Berlin-Marzahn in ihrem neuen Beruf an zu arbeiten.

Die Autorin schreibt auf, was sie an ihrem Arbeitsplatz hört. Es sind die Geschichten von Menschen, die teils seit dem Bau des Stadtteils dort leben und eine Menge erzählen können: vom Ende der DDR, den Umbrüchen nach der Wende und dem Sich-Einrichten in der Gegenwart. Die Rentnerin, der Ex-Funktionär, die jugendlichen Töchter von Schriftsteller-Freundinnen – sie alle kommen zu Wort.

Katja Oskamp erzählt die Geschichten ihrer Protagonisten sehr respektvoll und zugleich mit viel Witz und großer Empathie. Ich muss lachen und mir ist gleichzeitig ganz melancholisch zumute. Der*Die Lesende erfährt so einiges über einen Stadtteil, der gar nicht so trist und seelenlos zu sein scheint, wie sein ihm vorauseilender Ruf. Es ist ein Buch, das berührt und deshalb sehr zu empfehlen ist!

Susann Wagner

Lesetipp September

Olivia Vieweg: EndzeitOlivia Vieweg: Endzeit

Die Erde wurde von Zombies überrannt. Auf dem Weg von Weimar nach Jena treffen die traumatisierte Vivi und die taffe Eva aufeinander. Um zu überleben, schließen sich die beiden notgedrungen zusammen.

Neben einigen Zombies kämpfen Eva und Vivi mit ihren ganz eigenen Dämonen. Eva nutzt ihre Stärke und ihren Überlebenswillen wie Schwert und Schild und versucht, die Vergangenheit einfach hinter sich zu lassen. Vivi, die in Weimar sehr behütet gelebt hat, muss auf der Reise ihre eigene Stärke erst entdecken. Letztendlich ergänzen sich beide und aus der Schicksalsgemeinschaft wächst eine Freundschaft.

Olivia Vieweg lässt es eine Figur sogar aussprechen: Die Zeit der Menschen ist zu Ende. In ihren Bildern schwingt diese Stimmung oft mit. Sie vermitteln eine friedliche Sanftheit, als sei es schon in Ordnung, dass es zu Ende geht. Das Unausweichliche lässt sich nicht aufhalten, also lasst uns das Beste daraus machen.

In Endzeit geht es nicht um die Rettung der Menschheit. Es geht um die Geschichte von zwei Frauen und das Finden von innerem Frieden und Stärke. Und obwohl die Lage aussichtslos ist, lässt mich das mit einem Gefühl von Hoffnung zurück.

Sarah Dlugokinski-Thoma

Lesetipp August

Die Sehnsucht des VorlesersJean-Paul Didierlaurent: Die Sehnsucht des Vorlesers

In seinem Debütroman erzählt der französische Autor die Geschichte von Guylain Vignolles. Einem Mann voller Eigenheiten am Rande der Gesellschaft. Schon in seiner Kindheit hatte er es schwer, denn wenn man bei seinem Namen nur zwei Silben vertauscht, ergibt das Vilain Guignol, was so viel bedeutet wie „dummer Kasper“. Deswegen ist es ihm am liebsten, unsichtbar zu sein und schnell vergessen zu werden. Seine besten Freunde sind sein Goldfisch, ein ehemaliger Kollege, der einen ungewöhnlichen Sammelzwang hat und der Wachmann Yvon Grimbert, der nur in Versen spricht.

Außerdem hasst Guylain seine Arbeit. Jeden Tag wird er aufs Neue gezwungen, die Bestie zu füttern oder auch Zerstör 500. Sein ganz persönliches Monster, denn alles was es tut, ist das Schreddern und Zerstören von Büchern.

Sein einziger Lichtblick jeden Tag ist das Vorlesen im 6-Uhr-27-Zug, um ein paar einsamen geretteten Blättern wieder Leben einzuhauchen. Der monotone, graue Alltag des Vorlesers endet jedoch an dem Tag, als er in genau diesem Zug einen roten USB-Stick findet. Auf diesem entdeckt er das Tagebuch einer ganz besonderen Frau und beschließt, sich auf die Suche nach ihr zu machen. Dabei findet er sich auf einer Reise zu sich selbst und den schönen Seiten des Lebens wieder.

Jean-Paul Didierlaurent hat wirklich liebenswerte, skurrile Charaktere geschaffen, die zu kleinen Helden ihres tristen und monotonen Lebens werden. In einem deprimierenden Alltag und beruflicher Unzufriedenheit wie der von Guylain Vignolles festzustecken, kennen leider viele. Der Autor zeigt Seite um Seite, wie Guylain die vielen kleinen bunten, schönen Farben des Lebens wiederentdeckt. Das Ganze verpackt er mit einer guten Portion Humor und teilweise schon fast poetischen Passagen.

Was ich auch noch erwähnen möchte, ist die liebevolle Seitengestaltung, bei der sich Hintergrund, Schriftart und Schriftfarbe immer wieder abwechseln, passend zu dem, was Guylain liest.

Wer wie ich außergewöhnliche Geschichten und schräge Figuren mag, aber trotzdem etwas Leichtes zum Entspannen sucht, dem kann ich „Die Sehnsucht des Vorlesers“ auf jeden Fall nur empfehlen.

Lesetipp Juli

Jason Reynolds: Long Way Down

Wills Bruder ist tot.
Erschossen.
Auf offener Straße.
Beim Seife kaufen.
Will bleiben nur
Trauer, Wut
und drei Regeln
– die drei Regeln –
an die sich Will hält.
An die sich jeder hält:

1. Nicht weinen
2. Niemanden verpfeifen
3. Rache üben

Wir begleiten Will
bei seinem Weg nach unten.
Im Fahrstuhl.
8 Stockwerke.
Bei seinen Gedanken, der Gewalt und dem Leid,
welche diese Regeln mit sich bringen.

Anfangs irritiert die durchgängige Versform – teils in Jugendsprache/Slang – die einen jedoch schnell in ihren Bann zieht. So auch die Geschichte um Will, seinen Bruder und die Regeln, die allen das Recht zu geben scheinen, selbst zu richten. Eine Abwärtsspirale, die wir uns nicht unbedingt vorstellen können, die aber Realität ist.
Diese intensive Geschichte bewegt – eine klare Empfehlung nicht nur für jugendliche Leser*innen!

Jason Reynolds behandelt in seinen Büchern soziale Missstände, Gewalt und (Polizei-)Willkür. Dabei lässt er seine eigenen Erfahrungen einfließen. Im Juli 2018 hatten wir das Glück den Autor für eine Lesung im Rahmen des White Ravens Festival in der Stadtbibliothek begrüßen zu dürfen. Lesen Sie hierzu gerne unseren Blogbeitrag.

Heike Ossadnik

Lesetipp Juni

Delphine de Vigan: Dankbarkeiten

Der feinfühlige Roman handelt von der einst sehr auf ihre Unabhängigkeit stolzen Michka. Die weltoffene ältere Dame arbeitete früher im Verlagswesen und muss nun erfahren, dass sie zunehmend ihre Wörter verliert. Aus OK wird Oje, der Rollstuhl wird zum Grollstuhl. Als ihre Hilflosigkeit, die man als Leser gut nachvollziehen kann zunimmt, zieht sie in ein Pflegeheim. Besucht wird sie dort regelmäßig von Jérôme, einem Logopäden und Marie.

Michka hat sich liebevoll um Marie gekümmert, als sie ein Kind war und deren Mutter mit der Situation überfordert schien. Nun ist es umgekehrt. Marie möchte der mütterlichen Freundin helfen, ihren größten Wunsch zu erfüllen: Einem Ehepaar ihre Dankbarkeit auszudrücken, das sie als junges Mädchen gerettet hat.

Jérôme hat sich auf den Spracherhalt von Senioren spezialisiert und versucht Michkas schleichenden Verlust der Ausdrucksfähigkeit zu verlangsamen. Beide berichten abwechselnd von ihren emotionalen Begegnungen mit Michka.

„Dankbarkeiten“ ist ein tiefgründiges, zärtliches und warmherziges Buch, das mitreißend geschrieben ist und lange nachwirkt. Delphine de Vigans wundervolle Erzählung vom Abschiednehmen kann beim Lesen ein Wechselbad der Gefühle auslösen: Von Schmunzeln über die witzigen Satzkonstruktionen, über Traurigkeit bis zu der bewegenden Frage: „Was bleibt am Ende?“

Karina Rosa

Lesetipp Mai

Christian White: Das andere MädchenChristian White: Das andere Mädchen

 

Manson, Kentucky, 1990: Das zweijährige Mädchen Sammy Went verschwindet spurlos aus dem Garten ihrer Familie. Auch eine großangelegte Suchaktion ist ohne Erfolg. Die Kleine bleibt wie vom Erdboden verschwunden. Die Jahre vergehen und die Familie versucht mit dem Verlust umzugehen.

 

Melbourne, Australien, 2018: Kim Leamy, 30 Jahre, ist gut behütet mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Australien aufgewachsen. Heute verdient sie ihr Geld als Fotografin. Aus heiterem Himmel wird sie von einem Fremden angesprochen, der sie mit der Entführung einer Zweijährigen konfrontiert.

 

Von Zweifeln geplagt, versucht Kim herauszufinden, was damals mit dem kleinen Mädchen geschah. Zusammen mit Stuart, Sammys Bruder, reist Kim nach Manson und stößt dort auf eine Welt voll dunkler Geheimnisse und religiösen Fanatismus. Doch je länger sie recherchieren, desto verstörender wird es und dann überschlagen sich die Ereignisse.

 

Christian White hat hier einen vielschichtigen und verstörenden Roman abgeliefert. Die Zeitebenen sind logisch aufgebaut und die Spannung steigert sich von Seite zu Seite. Und als ich dachte alle Zusammenhänge verstanden zu haben, nahm die Geschichte noch einmal eine überraschende Wendung.

Dieses Buch ist bestens geeignet für Leser, die es spannend, jedoch ganz und gar unblutig mögen.

Yvonne Reinhardt

Lesetipp April

Liz Moore: Long Bright RiverLiz Moore: Long Bright River

Der Long Bright River, der lange leuchtende Fluss, damit ist nicht der Delaware River gemeint, der durch Philadelphia fließt. Nein, das ist der lange leuchtende Fluss verstorbener Seelen.

In Philadelphias Stadtteil Kensington, einem der größten Drogenumschlagplätze der USA, werden mehrere Prostituierte tot aufgefunden. Die Streifenpolizistin Mickey Fitzpatrick befürchtet, dass ihre lebenslustige und extrovertierte Schwester Kacey irgendwann unter den Toten sein könnte. Denn Kacey ist drogensüchtig und verdient ihr Geld mit Straßenprostitution. Die beiden Schwestern haben sich vor vielen Jahren entzweit. Und doch hatte die introvertierte, nachdenkliche Mickey immer ein Auge auf ihre Schwester. Selbst Mutter, versucht Mickey, gleichzeitig ihrem Kind und ihrem Beruf gerecht zu werden.

Parallel zu Mickeys Suche nach dem Serienmörder erfahren wir in Rückblenden von der Kindheit der beiden Schwestern, von Armut und Gewalt, von seelischer Verwahrlosung. Und je länger wir Mickey zuhören, desto deutlicher wird der Grund des Zerwürfnisses. Wir begreifen, dass auch ihr Leben von der Vergangenheit geprägt ist und nicht alles Schwarz oder Weiß ist.

Nur vordergründig ein Krimi erzählt dieser großartige Gesellschaftsroman nicht nur die Familiengeschichte von Mickey und Kacey, sondern auch von einem der größten Dramen der USA, der Opioidkrise. Philadelphias Stadtteil Kensington gilt als größter offener Drogenmarkt im Osten der USA. Der Fotograf Dominick Reuter lieferte bereits 2018 die eindrücklichen Bilder zu diesem Roman. Das Elend ist erschütternd und Liz Moore versteht es, die Auswirkungen auf Familien im Kleinen und auf die Gesellschaft insgesamt in schonungslosen Worten zu beschreiben.

Martina Schwencke

Lesetipp März

Selim Özdogan: Der die Träume hörtSelim Özdogan: Der die Träume hört

Der deutsch-türkische Autor gibt uns mit seinem lesenswerten Krimidebüt Einblick in das prekäre Getto-Milieu der dritten Emigrantengeneration in Deutschland. Der Alltag der jungen Deutsch-Türken ist geprägt von Frustration, Wut, Sehnsucht, Gras und Hip-Hop. Wichtig ist der soziale Aufstieg, egal ob auf legale oder kriminelle Weise. Die Jugendlichen, Schwarzköpfe genannt, wollen raus aus den tristen Trabantenstädten, weg aus dem verrufenen Westmark, wo Drogenhandel und Schutzgelderpressung florieren. Nizar gelingt der Ausstieg. Er hat nur noch Kontakt zu seinem alten Viertel wegen seiner türkischen Pflegemutter Sevgi, deren Sohn Kamber in die Kriminalität abgerutscht ist. Nizar wird Privatermittler für Online-Kriminalität und erhält den Auftrag, den Darknet-Dealer Toni_meow aufzuspüren, an dessen verkauften Drogen ein Teenager gestorben ist.  Gleichzeitig erfährt Nizar völlig überraschend von der Existenz seines siebzehnjährigen Sohnes namens Lesane, der in Westmark dealt, sich mit Gangstern eingelassen und dort hohe Schulden hat. Nizar übernimmt den gutbezahlten Auftrag und versucht damit auch seinen Sohn zu retten. Spannend und interessant zu lesen sind die Recherchen, die Nizar in die verschiedenen Plattformen des Darknet führen. Er wird in kriminellen Foren aktiv und mischt wieder auf der Straße mit. Gut herausgearbeitet wird, dass Drogenhandel auch im Netz ein schmutziges Geschäft ist.

Die Dialoge sind eine Mischung aus Kiezdeutsch und Rapper-Slang und wirken authentisch. Es ist eine maskuline Welt, in der es um Kampf, Anerkennung und Loyalität geht und Hip-Hop und Rap Orientierung geben. Die Härte und die wütende Energie des Rap stehen im Gegensatz zu den feinen Tönen und der Sympathie des Autors zu seinen Protagonisten, die man deutlich spürt.

Özdogan hat einen außergewöhnlichen Roman geschrieben, der interessante Einblicke gibt in die Lebenswelt von jungen Menschen, die von der restlichen Gesellschaft abgehängt sind und eigene Regeln und Rituale aufgestellt haben.

Christine Lenhart

Lesetipp Februar

Angela Lehner: Vater unserAngela Lehner: Vater unser

Eine junge Frau, Eva Gruber, wird in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert. Sie ist eine starke Persönlichkeit, die ihre Umgebung mit aller Macht versucht zu kontrollieren. Wir begleiten die Ich-Erzählerin in ihrem Alltag in der Psychiatrie, erleben sie beim amüsanten Ping-Pong-Spiel mit ihrem Psychiater. In Rückblenden schildert sie Szenen aus ihrer von engen dörflich-kirchlichen Regeln geprägten Kindheit und Jugend. Die Szenen sind oft urkomisch, auch wenn einem das Lachen dann im Halse stecken bleibt. In der titelgebenden Episode schlägt sie den Pfarrer mit dessen eigenen Mitteln, als sie das mühsam erlernte „Vater unser“ aufsagen soll.

In derselben Anstalt wie Eva hält sich ihr magersüchtiger Bruder auf, zu dem sie gegen den Willen ihrer Umwelt wieder Kontakt aufnimmt. Die Situation spitzt sich zu, als in Eva die Gewissheit reift, dass sie die Einzige ist, die ihren Bruder retten kann.
Normalität und Verrücktheit tauschen in diesem Roman häufig die Rollen, oft scheint Eva in ihren Handlungen normaler als die nicht Verrückten, auch wenn dem Leser immer mehr schwant, dass die Wirklichkeit doch anders ausschaut als Eva dies schildert.

Spannend und lesenswert.

Claudia Nägel

Lesetipp Januar

Julia Ebner: RadikalisierungsmaschinenJulia Ebner: Radikalisierungsmaschinen

Die ausgewiesene Online-Extremismus-Expertin Julia Ebner schleuste sich zwei Jahre lang undercover in verschiedene extremistische Gruppen ein, so dass wir beim Lesen ihrer Erlebnisse unmittelbar nachvollziehen können, was bei Neuen Rechten, Antifeministinnen, Terror-Schwestern, Troll-Armeen oder Verschwörungstheoretikern abgeht. Wir erfahren, warum sich Menschen im Netz radikalisieren, wer die Anführer*innen sind und welche Ideologien und manipulativen Taktiken dahinter stehen. Die Beispiele belegen eindrucksvoll ihre These, dass die Anhänger*innen des radikal Gestrigen, mit Hilfe modernster Technologie, unsere aufgeklärte Gesellschaft bekämpfen. Dabei tun sie alles, um Menschen von ihrer vermeintlichen Wahrheit zu überzeugen und gegen das angebliche globale Establishment aufzurühren. Mit zunehmenden Erfolg: Es fängt ganz klein mit dem Schimpfen „auf die da oben“ an und führt im Extremfall zu terroristischen Anschlägen.

Das Buch liest sich stellenweise wie ein Thriller. Bei ihrer Arbeit im Londoner Institut für strategischen Dialog (ISD) erforscht Julia Ebner extreme Bewegungen und berät Regierungen und Unternehmen. Doch das Beobachten von außen reichte ihr nicht. Um mehr zu erfahren, nahm sie hohe persönliche Risiken in Kauf. Sie wagte sich nicht nur inkognito in die digitalen Räume der Radikalisierungsmaschinen, sondern traf sich auch persönlich mit Perücke und falscher Identität mit Vertretern extremistischer Bewegungen. Die brisanten Insiderinformationen legt sie offen, ungeschützt, unter ihrem eigenen Namen. Das verlangt mir riesigen Respekt ab. Dieser Mut hat sie ihren ersten Job gekostet, ironischerweise bei einer antiextremistischen Organisation. Es ist erschreckend zu sehen, wie Menschen – vor allem aus Journalismus, Wissenschaft und Politik – von einer kleinen Minderheit extremistischer Krawallmacher bedroht und eingeschüchtert werden. Umso wichtiger sind Initiativen wie HateAid, in denen sich Betroffene gegenseitig unterstützen, oder die Facebook-Community #ichbinhier, die als Gegenstrategie zu Hasskampagnen aufklärende Kommentare veröffentlicht. Das Buch zeigt aber auch, dass strengere Anti-Hatespech-Maßnahmen allein das Problem nicht lösen, denn die Bemühungen von Facebook und Twitter, Extremismus auf ihren Plattformen einzudämmen, führt lediglich zum Ausweichen auf alternative Plattformen. Wie kann den Extremisten im Netz dann der Nährboden entzogen werden? Mit Internet aus, Augen zu und Wegducken sicher nicht. Laut Julia Ebner sind digitale Bildung und eine aufgeklärte Nutzung neuer Technologien Voraussetzung für alle Anti-Extremismus-Bemühungen.

„Spannend, erhellend, erschütternd – Dieses Buch ist wichtig“ sagt Jan Böhmermann. Ich stimme zu.

Marlene Neumann

Am Donnerstag, 19. März 2020, wird Julia Ebner um 19:30 Uhr im Digitalen Salon der Stadtbibliothek persönlich ihr Buch vorstellen und uns an ihren Erlebnissen und Erkenntnissen teilhaben lassen. Die Moderation übernimmt Prof. Dr. Fabian Schäfer. Er ist Japanologe und Kommunikationswissenschaftler und forscht zur globalen digitalen Transformation der politischen Öffentlichkeit.

Wir empfehlen!

Weitere Lesetipps finden Sie im Blog der Stadtbibliothek.

Sachbuch-Tipp

Zu viel und nie genug

Mary L. Trump erzählt, wie ihre Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf.

Roman-Tipp

Iris Wolff: Die Unschärfe der WeltIris Wolff: Die Unschärfe der Welt

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2020, den Bayerischen Buchpreis 2020 sowie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2020:
Die bewegte Geschichte einer Familie aus dem Banat, deren Bande so eng geknüpft sind, dass sie selbst über Grenzen hinweg nicht zerreißen. Ein Roman über Menschen aus vier Generationen.
Auch als E-Book in der Franken-Onleihe!

Film-Tipp

ParasiteLittle Women

Amerika Mitte des 19. Jahrhunderts: Vier junge Frauen, die ihr Leben selbstbestimmt nach eigenen Vorstellungen gestalten wollen und dabei teils große gesellschaftliche Hindernisse überwinden. "Little Women" folgt den unterschiedlichen Lebenswegen der March-Schwestern zu einer Zeit, in der die Möglichkeiten für Frauen begrenzt waren. Unser Film-Tipp des Monats!