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Lesetipp Januar

Julia Ebner: RadikalisierungsmaschinenJulia Ebner: Radikalisierungsmaschinen

Die ausgewiesene Online-Extremismus-Expertin Julia Ebner schleuste sich zwei Jahre lang undercover in verschiedene extremistische Gruppen ein, so dass wir beim Lesen ihrer Erlebnisse unmittelbar nachvollziehen können, was bei Neuen Rechten, Antifeministinnen, Terror-Schwestern, Troll-Armeen oder Verschwörungstheoretikern abgeht. Wir erfahren, warum sich Menschen im Netz radikalisieren, wer die Anführer*innen sind und welche Ideologien und manipulativen Taktiken dahinter stehen. Die Beispiele belegen eindrucksvoll ihre These, dass die Anhänger*innen des radikal Gestrigen, mit Hilfe modernster Technologie, unsere aufgeklärte Gesellschaft bekämpfen. Dabei tun sie alles, um Menschen von ihrer vermeintlichen Wahrheit zu überzeugen und gegen das angebliche globale Establishment aufzurühren. Mit zunehmenden Erfolg: Es fängt ganz klein mit dem Schimpfen „auf die da oben“ an und führt im Extremfall zu terroristischen Anschlägen.

Das Buch liest sich stellenweise wie ein Thriller. Bei ihrer Arbeit im Londoner Institut für strategischen Dialog (ISD) erforscht Julia Ebner extreme Bewegungen und berät Regierungen und Unternehmen. Doch das Beobachten von außen reichte ihr nicht. Um mehr zu erfahren, nahm sie hohe persönliche Risiken in Kauf. Sie wagte sich nicht nur inkognito in die digitalen Räume der Radikalisierungsmaschinen, sondern traf sich auch persönlich mit Perücke und falscher Identität mit Vertretern extremistischer Bewegungen. Die brisanten Insiderinformationen legt sie offen, ungeschützt, unter ihrem eigenen Namen. Das verlangt mir riesigen Respekt ab. Dieser Mut hat sie ihren ersten Job gekostet, ironischerweise bei einer antiextremistischen Organisation. Es ist erschreckend zu sehen, wie Menschen – vor allem aus Journalismus, Wissenschaft und Politik – von einer kleinen Minderheit extremistischer Krawallmacher bedroht und eingeschüchtert werden. Umso wichtiger sind Initiativen wie HateAid, in denen sich Betroffene gegenseitig unterstützen, oder die Facebook-Community #ichbinhier, die als Gegenstrategie zu Hasskampagnen aufklärende Kommentare veröffentlicht. Das Buch zeigt aber auch, dass strengere Anti-Hatespech-Maßnahmen allein das Problem nicht lösen, denn die Bemühungen von Facebook und Twitter, Extremismus auf ihren Plattformen einzudämmen, führt lediglich zum Ausweichen auf alternative Plattformen. Wie kann den Extremisten im Netz dann der Nährboden entzogen werden? Mit Internet aus, Augen zu und Wegducken sicher nicht. Laut Julia Ebner sind digitale Bildung und eine aufgeklärte Nutzung neuer Technologien Voraussetzung für alle Anti-Extremismus-Bemühungen.

„Spannend, erhellend, erschütternd – Dieses Buch ist wichtig“ sagt Jan Böhmermann. Ich stimme zu.

Marlene Neumann

Am Donnerstag, 19. März 2020, wird Julia Ebner um 19:30 Uhr im Digitalen Salon der Stadtbibliothek persönlich ihr Buch vorstellen und uns an ihren Erlebnissen und Erkenntnissen teilhaben lassen. Die Moderation übernimmt Prof. Dr. Fabian Schäfer. Er ist Japanologe und Kommunikationswissenschaftler und forscht zur globalen digitalen Transformation der politischen Öffentlichkeit.

Lesetipp Dezember

Kit de Waal: Die Zeit und was sie heilt

Die irische Puppenmacherin Mona betreibt in einem Ort an der englischen Küste einen kleinen Laden. Die Puppenkörper lässt sie von einem befreundeten Tischler herstellen, die Gesichter, Kleidung und sonstige Ausstattung fertigt sie selbst in liebevoller und detailgetreuer Handarbeit für ihre weltweite Kundschaft. Aber es kommen auch einige Frauen aus einer Selbsthilfegruppe für tot geborene Kinder in ihren Laden. Mona ist es ein besonderes Anliegen, diesen Frauen eine Puppe zu schenken, ihnen Trost zu spenden und dabei zu helfen, den Schmerz zu bewältigen. Man ahnt bald, woher dieses Anliegen rührt, denn auch Mona selbst hat in der Vergangenheit sehr schmerzliche Verluste erlitten. In Rückblenden wird aus ihrem Leben erzählt: von ihrer Kindheit in Irland, dem frühen Tod der Mutter, ihrer Auswanderung nach Birmingham, wo in den 70er-Jahren wegen des Bombenterrors der IRA viele Iren angefeindet wurden, und schließlich von den tragischen Umständen unter denen sie Mann und Kind verlor.

Ihr 60. Geburtstag und die Kündigung ihrer langjährigen Mitarbeiterin sind für Mona ein Anlass, ihr weiteres Leben zu überdenken und neu zu ordnen, was am Ende zu einer überraschenden Wendung führt.

Ein schönes, berührendes Buch über den Umgang mit Verlust und Trauer, über das Festhalten und Loslassen, das trotz der traurigen Thematik niemals düster oder rührselig ist, sondern durch die Unerschütterlichkeit einer starken Heldin etwas sehr Tröstliches hat.

Sabine Köstler

Lesetipp November

Don Quijote Flix: Don Quijote

Manche Geschichten sind unsterblich. So auch die Erzählung von Don Quijote von Miguel de Cervantes. Deshalb ist mein Tipp für euch ein Klassiker im neuen Gewand einer Graphic Novel.

Wogegen kämpft Don Quijote in der Gegenwart? Offensichtlich gegen Windräder! Bewaffnet mit Flugblättern und Plakaten (statt Schwert und Schild) kämpft Alonso Quijano gegen einen geplanten Windpark. Er ist so in seinen Widerstand verbissen, dass er nicht merkt wie Vergangenheit, Gegenwart, Realität und Illusion immer mehr miteinander verschmelzen. Bald kann er das Eine vom Anderen kaum noch unterscheiden. Seine Tochter Antonia hat kein Verständnis dafür. Wie soll sie auch? Alonso hat schon immer lieber Unterschriften gesammelt als sich um seine Familie zu kümmern. Als einziger kann Enkel Robin zu ihm durchdringen und steht dem „edlen Ritter von der traurigen Gestalt“ als treuer Knappe zur Seite.

Felix „Flix“ Görmann hat eine großartige Neuinszenierung von Cervantes klassischer Erzählung geschaffen. Sein Zeichenstil ist unverkennbar und die Bilder sind voll Liebe zum Detail. Als Leser*in merkt man bald, dass die fantastischen Elemente der Geschichte auf einer traurigen Realität fußen. Deshalb entsteht beim Lesen das Gefühl einer leisen Wehmut. Dadurch wird Flix’ Don Quijote auf einmal kein trauriges Buch, aber bei mir kam zum Lächeln im Gesicht ein kleiner Kloß im Hals dazu. Die letzte Seite blättert man vielleicht – wie ich – mit einem leisen Seufzer um.

Sarah Dlugokinski-Thoma

Lesetipp Oktober 2019

Alina Bronsky: Der Zopf meiner GroßmutterAlina Bronsky: Der Zopf meiner Großmutter

Mit seinen Großeltern Rita und Tschingis kommt Maxim, der die Geschichte erzählt, als Flüchtlingskind aus der Sowjetunion nach Deutschland. Er wächst in einem Flüchtlingsheim auf. Großmutter Rita ist die zentrale Figur des Romans. Sie ist schonungslos, brutal und manchmal abgrundtief böse, vor allem zu Max. Rita glaubt, er sei ein Schwachkopf und obendrein ein körperlicher Krüppel. Und behandelt ihn entsprechend. Nichts davon stimmt, Max ist ein aufgeweckter, kluger Junge. Zu allem Überfluss verliebt sich der Großvater in eine andere Frau, zeugt ein Kind mit ihr und bringt damit das chaotische Zusammenleben von Enkel und Großeltern durcheinander. Die Mutter von Max ist irgendwann in der Vergangenheit gestorben, fast hat es den Anschein, als müsse Max in der Gegenwart dafür büßen. Man mag es nicht glauben, aber am Ende gibt es fast so etwas wie einen Neuanfang für Max.

Herrlich, dieser Roman von Alina Bronsky! Welch schön skurrile Figuren sich darin tummeln! Sie sind rau im Umgang und trotzdem jede auf ihre Art liebenswert. Viele Situationen sind zum Lachen und Weinen zugleich. Urkomisch und trotzdem voller Schwermut und Tiefgang. Unglaublich, wie Max die Grobheiten seiner Großmutter hinnimmt, sie ihr im Grunde verzeiht. Insgeheim weiß Maxim eben, welch ein heftiger Bruch die Migration für die Großmutter war und dass ihr, im Gegensatz zu ihm, Deutschland fremd bleiben wird.

Susann Wagner

Film-Tipp

Green Book

Der kultivierte und begnadete, afroamerikanische Pianist Dr. Don Shirley begibt sich 1962 auf eine Konzert-Tournee in die Südstaaten. Sein Fahrer, Tony Lip, ist ein Italo-Amerikaner aus der Bronx. Ihre Route müssen die beiden nach dem sogenannten "Green Book" planen, einem Reisführer für schwarze Autofahrer. Oscarprämiert und ausgezeichnet mit dem Golden Globe in den Kategorien bester Film, bestes Drehbuch und bester Nebendarsteller ist Green Book unser momentaner DVD-Bestleiher.