Geschwisterbeziehungen sind wohl die, die das Leben mit am stärksten beeinflussen. Und in den seltensten Fällen sind sie gut oder schlecht. Die Grautöne zwischen den Extremen überwiegen meistens. So extrem, wie es in diesem Roman von Marcus Jarl dargestellt wird, ist es aber höchst selten.
Die Schwestern Julia und Liv waren in ihrer Jugend unzertrennlich. Sie gaben sich das Versprechen, immer füreinander da zu sein, komme was wolle. Doch dann kommt alles anders als geplant. Julia arbeitet als Krankenschwester auf der Neonatologie und versucht gleichzeitig, das Leben mit ihrem kleinen Sohn als Alleinerziehende trotz ihres Schichtplans auf die Reihe zu bekommen. Ihr Ex-Mann ist dabei keine Hilfe. Er macht ihr zusätzlich das Leben schwer, indem er droht, ihr das Sorgerecht für Truls wegzunehmen. Julia steht unter ständigem Druck, fühlt sich hilflos und ungenügend in ihrem Privatleben. Ihre Schwester Liv sieht sie nur noch selten. Diese lebt scheinbar ein sorgenfreies Leben. Sie hat ihren Job vorerst aufgegeben, um für ihre zwei Kinder da sein zu können, und wohnt mit ihrer Familie in einem Haus in der Vorstadt. Eines Tages jedoch steht Julia in der Neonatologie ihrem Schwager gegenüber. Sein neugeborenes Kind, das auf der Station versorgt werden muss, ist aber nicht Livs Kind, sondern das einer anderen Frau. Julia steht nun zwischen dem Versprechen, das sie ihrer Schwester gegeben hat, und ihrer Verpflichtung, Stillschweigen über ihre Patienten zu bewahren.
In zwei Rückblenden wird jeweils aus der Sicht einer der Schwestern erzählt, warum sie sich auseinandergelebt haben. In den beiden Teilen lernt man beide besser kennen und verstehen, auch was ihre Reaktionen auf die jeweils andere angeht. Natürlich kommt es im letzten Teil zum großen Showdown. Ob jedoch die Liebe zwischen den Schwestern die vielen Enttäuschungen und gegenseitigen Verletzungen aufwiegt, wird hier nicht verraten.
Marcus Jarl arbeitet selbst auf einer Neonatologie-Station. Dies merkt man dem Roman an, der die Stimmung und Arbeit auf der Intensivstation für Neugeborene sehr gut wiedergibt. Junikinder ist bereits sein vierter Roman, aber der erste, der auf Deutsch übersetzt wurde. Das sprachlich überzeugende Buch lebt von den gut ausgearbeiteten Charakteren. Einige Längen, besonders in den Rückblenden, werden dadurch gut aufgewogen. Bleibt zu hoffen, dass bald weitere Bücher von Marcus Jarl auf Deutsch erscheinen!
Hannah Scheske