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Lesetipp Juni

Perfektionismus ist ein ArschlochAlbert, Attila: Perfektionismus ist ein Arschloch

Es ist ein Problem, das viele von uns kennen: Perfektionismus verunsichert, blockiert und zieht runter. Doch damit ist jetzt Schluss! Attila Albert schreibt in seinem Ratgeber über den Weg raus aus der Perfektionismus-Falle für ein Leben mit weniger Stress und mehr Gelassenheit! Denn gut genug ist im wahren Leben meist am besten.

Der Ratgeber von Attila Albert dreht sich ganz um das Thema Perfektionismus. Dieser führt in den meisten Fällen jedoch nur zu Stress und Unzufriedenheit. Der britische Autor legt ganz bewusst den Finger in die Wunde, jedoch humorvoll und ohne erhobenen Zeigefinger. Er erzählt aus seinen Erlebnissen als Life-Coach, in denen Klient*innen aus unterschiedlichen Gründen scheiterten und nach Veränderung strebten.

Was sie alle gemeinsam hatten, war der Wunsch nach Perfektion. Er analysiert auf humorvolle Weise, was in den jeweiligen Lebenslagen problematisch war und zeigt anhand dessen Lösungswege auf. In dem Ratgeber hat Attila Albert außerdem einen Selbsttest integriert, bei dem man herausfinden kann, welcher Perfektionismus-Typ man ist. Auch hier erklärt er mit Beispielen woran man diese Typen erkennen kann, welche Auswirkungen und Nutzen sie haben. Er gibt viele praktische Tipps und Tricks, die helfen können alte Muster zu durchbrechen und neue Wege zu gehen. Er schreibt auch über seine Vergangenheit, wie er seinem Perfektionismus auf den Grund gegangen ist und wie er ihn hinter sich lassen konnte.

Ich hatte beim Lesen dieses Buches das ein oder andere „Aha-Erlebnis“. Attila Albert bringt die Dinge auf den Punkt, ohne dabei belehrend zu wirken. Man spürt, dass er bei seiner Arbeit als Coach viele Erfahrungen mit Menschen und ihren unterschiedlichen Herausforderungen sammeln konnte. Durch die aus dem Leben gegriffenen Beispiele schafft er es, dass man sich in deren Lage wiederfinden kann. Er gibt tolle Übungen und Tipps, um den eigenen Perfektionismus kritisch zu hinterfragen oder anzugehen, man kann Kapitel für Kapitel etwas mitnehmen. Sein sympathischer, einfacher und humorvoller Schreibstil ließ mich das Buch kaum aus der Hand legen. Ich kann allen, die nach neuen Denkanstößen und mehr Gelassenheit suchen, dieses Buch nur empfehlen. Es lohnt sich!

Anna-Lena Schäffner

Lesetipp Mai

Ein Jahr voller WunderClemency Burton-Hill: Ein Jahr voller Wunder

Dieses Buch wurde mir während eines anregenden Gespräches mit einer Nutzerin empfohlen. Sie hat durch „Ein Jahr voller Wunder“ immer wieder selbst zum Instrument gegriffen und sich zum Nachspielen inspirieren lassen. Das wunderschön gestaltete Buch hat auch mich sofort angesprochen: Die goldenen Noten und Coverinnenseiten wirken sehr edel.

Die Autorin Clemency Burton-Hill, preisgekrönte Violinistin und BBC-Radiomoderatorin, hat einen immerwährenden, klingenden Musikkalender geschaffen.

Viele Hörer*innen ihres Senders, Familie und Freunde, wünschten sich von ihr Klassik-Empfehlungen zu unterschiedlichen Anlässen: Zur Unterstützung beim Lernen, um Babys zu beruhigen oder die Eltern des neuen Partners zu beeindrucken. Bloß wo anfangen, wenn man von klassischer Musik begleitet gärtnern, trainieren oder die Wäsche aufhängen möchte? Dieses Buch gibt Orientierung. Es ist eine Schatzkiste mit Werken aus 1000 Jahren klassischer Musik.

Clemency Burton-Hill lädt die Leser*innen damit ein, im stürmischen Alltag innezuhalten und sich täglich die Zeit zu gönnen, sich einige Minuten mit einem Musikstück zu beschäftigen. Die Stücke haben immer einen Bezug zum jeweiligen Tag und enthalten Interessantes und Kurioses. Der 26. Januar ist beispielsweise der Australian Day. Deshalb wird die aufregende, zeitgenössische Komponistin Elena Kats-Chernin aus Down Under vorgestellt. Die „Unsent Love Letters“ sind von den nie abgeschickten Liebesbriefen des introvertierten, schüchternen, französischen Komponisten Eric Satie inspiriert. Er versank privat im Chaos und die Briefe an seine Geliebte, Muse und Nachbarin wurden Jahre nach seinem Tod von Freunden gefunden. Kats-Chernin schuf daraus 25 meditative Klavierminiaturen. Natürlich kann man das Buch auch „Bibliothekstauglich“ innerhalb der Ausleihfrist lesen. Zum Buch gibt es eine Playlist im Diogenes Verlag, um kurz in die Werke hineinhören zu können, sowie in der Naxos Music Library der Stadtbibliothek eine Titelliste für die ersten Tage im Mai. Danach könnt ihr stöbern und euch die schönsten Aufnahmen aussuchen.

Ich finde es wunderbar, mich mit Musik durchs Jahr tragen zu lassen und empfehle das Buch von Herzen weiter.

Karin Rosa

 

Lesetipp April

Die Lebende ToteDie lebende Tote

„Die lebende Tote“ von Oliver Vatine (Text) und Alberto Varanda (Zeichnungen) vereint Science-Fiction, Schauerroman und Horror à la Lovecraft in einem Album.

Die Menschen haben die Erde verlassen und sich auf dem Mars angesiedelt. Der Wissenschaftler Joachim Bostrom ist von der „alten Erde“ fasziniert und zögert nicht lange, als ihm ein mysteriöses Projekt auf diesem Planeten angeboten wird.

Dort lebt in einem Schloss Martha in Begleitung des stummen Cyborg Hugo und der Riesenspinne Vanda. Martha ist von dem Gedanken besessen, ihre verstorbene Tochter Lise wiederzubeleben. Dazu ist ihr jedes Mittel recht. Mit der Hilfe von Joachim will sie Lise klonen.

Joachim ist die Situation nicht geheuer, doch die Faszination ist größer als der Zweifel. Anfangs sieht es so aus, als würde das Experiment gelingen. Leider wird aus dem Traum von der Schöpfung schnell ein Alptraum…

Die Kombination von Science-Fiction und Schauerroman funktioniert in diesem Album wunderbar. Wo Victor Frankenstein noch Blitze brauchte, stehen Martha und Joachim fantastische Technologien zur Verfügung. Die Bilder schaffen eine schaurig schöne Atmosphäre und tragen die Leser*innen durch die Geschichte.
Da es sich um einen Einzelband handelt, fällt die Charakterisierung der Figuren etwas schmal aus. Der Geschichte tut dies zum Glück keinen Abbruch.

Am besten genießt man diese Geschichte in der Dämmerung oder in der Nacht, allein im Lieblingssessel mit Leselampe und einem heißen Getränk.

Sarah Dlugokinski-Thoma

Lesetipp März

Buchcover Die Schule meines Lebens von Matze HielscherMatze Hielscher: Die Schule meines Lebens

Was treibt euch an? Wo findet ihr Inspiration? Wie entwickelt ihr Ideen? Und was passiert, wenn ihr mal nicht weiterkommt? In „Die Schule meines Lebens“ spricht Matze Hielscher mit Musiker*innen, Schauspieler*innen, bekannten Persönlichkeiten und kreativen Köpfen über ihre Wegweiser, Arbeitsweisen und Lebensweisen. Matze Hielscher ist einer der Gründer von „Mit Vergnügen“ – einem digitalen Stadtmagazin für Berlin, Hamburg, Köln und München. Zudem sind dort unterschiedlichste Podcast-Formate angesiedelt. So auch „Hotel Matze“, der Interview-Podcast, bei dem ihm die Gäst*innen über ihre Einflüsse, eingeschlagenen Wege und Einstellungen erzählen.

Die Highlights der über 100 Interview-Podcast-Folgen finden sich in diesem Buch – eingeteilt in drei Abschnitte – wieder. Hier fungieren unter anderem Personen wie Anne Will, Jürgen Vogel, Frank Elstner und Fynn Kliemann als Wegweiser, die zum täglichen Produzieren und nicht nur Konsumieren animieren. Wichtig dabei ist es, viele Dinge auszuprobieren und dann den Fokus daraufzulegen, was einen selbst erfüllt. Dazu gehört auch das Loslassen von festgefahrenen Ideen. Christoph Niemann, Axel Bosse und Sabine Rückert erzählen von ihren Arbeitsweisen, die vor allem auf kreatives Schaffen abzielen und inspirierend sein können. Zudem gewährt das Buch wie auch die einzelnen Podcast-Folgen einen Einblick in die Lebensweisen, zum Beispiel von Dunja Hayali, die für mehr Menschlichkeit plädiert und für ihre Bodenständigkeit dankbar ist. Ebenso erfährt man von Benjamin von Stuckrad-Barres Schreibverhalten und die Dankbarkeit für gute und großzügige Freundschaften.

So findet Matze Hielscher bei jeder interviewten Person eine Sache, die er von eben dieser gelernt bzw. mitgenommen hat und nun an die Leser*innen weitergibt.

Wer den Podcast bisher nicht kennt, kann unabhängig davon „Die Schule meines Lebens“ genießen und auf sich wirken lassen. Ich selbst habe erst anschließend einzelne Podcast-Folgen – zu Personen, die mich besonders interessierten – nachgehört. Das Buch musste ich auf Etappen lesen. Nicht, weil es besonders schwere Kost beinhaltet, sondern um das Gelesene zu reflektieren oder um für das eigene Mindset Notizen zu machen. Wenn man sich darauf einlassen kann und interessiert an der ein oder anderen interviewten Person ist, bereitet dieses Buch Freude und inspiriert.

Heike Ossadnik

Lesetipp Februar

AmericanahChimamanda Ngozi Adichie: Americanah

Nigeria in den 90er Jahren: Ifemelu und Obinze werden schon während der Schulzeit ein Paar. Ihre Wege trennen sich, als Ifemelu zum Studieren in die USA geht. Dort kommt sie nach und nach an, baut sich eine Existenz auf und findet neue Partner. Doch wo ist ihr Zuhause? In Amerika ist sie eine Schwarze, in Nigeria eine Americanah. Ihre Beobachtungen und Überlegungen zu Identität und Rassismus verarbeitet sie in einem Blog. Der zum Erfolg wird! Nach vielen Jahren in Princeton zieht es sie zurück nach Lagos. Dort trifft sie Obinzi wieder, der mittlerweile Frau und Tochter hat.

Die Blogbeiträge von Ifemelu über rassistische Alltagserfahrungen werden wie kleine klug und verständlich formulierte Essays in die Geschichte eingestreut. Deshalb ist dies nicht nur ein mitreißender Gegenwartsroman, sondern auch ein politisches Buch, durch das ich wirklich viele Denkanstöße zum Thema Rassismus erhalten habe. Adichie hat zudem ein besonderes sprachliches Talent, ihren Figuren, Tiefe zu verleihen. Es ist, als schlüpfe man direkt in Ifemelu und all die anderen Personen hinein, um die Welt, wie sie sich für sie darstellt, aus ihren Blickwinkeln zu erleben. Nicht zuletzt handelt es sich um eine der schönsten Liebesgeschichten, die ich jemals gelesen habe. Es lohnt sich also!

Marlene Neumann

Lesetipp Januar

Unter uns das MeerAmity Gaige: Unter uns das Meer

Im Zentrum des Romans steht die Beziehung von Juliet und Michael, verheiratet, zwei Kinder von sieben und knapp drei Jahren, beheimatet in Connecticut, USA.

Juliet hat Depressionen, leidet darunter, ihre Dissertation nie beendet zu haben und ist unglücklich in der konventionellen Rollenaufteilung einer Kleinfamilie gefangen. Auch Michael ist nicht glücklich und sehnt sich nach mehr Freiheit. Im Alltag kommen die unterschiedlichen Lebenseinstellungen von Juliet und Michael immer mehr zu tragen, sie haben ihre gemeinsame Basis verloren.

Um ihre Ehe zu retten, überredet Michael seine Frau zu einem einjährigen Segeltörn in der Karibik. So brechen sie mit den Kindern auf nach Panama, kaufen ein Boot und stechen von dort in See.

Die Geschichte wird rückschauend von Juliet erzählt, als Gegenpart ergänzt von den als „Logbuch“ bezeichneten Tagebucheinträgen Michaels. Reflexionen über Situationen ihres Alltags und ihrer Beziehung wechseln sich ab mit den Beschreibungen des Segeltörns der ziemlich unerfahrenen Segler.
Wir nehmen teil am Alltag mit den Kindern an Bord, erleben die Schönheit der Karibik, teilen das Gefühl von Freiheit der Protagonisten, fiebern mit ihnen bei den Kämpfen mit den Naturgewalten.

Der fesselnd geschriebene Roman lebt von dem Kontrast von Innenwelten und der Konfrontation mit völlig neuen Lebenssituationen und obwohl es sich relativ bald herausstellt, dass das Abenteuer nicht gut ausgeht, hält er die Spannung bis zum Schluss.

Claudia Nägel

Lesetipp Dezember

Anne Weber: Annette, ein HeldinneneposAnne Weber: Annette, ein Heldinnenepos

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber hat eine originelle romanhafte Biografie einer außergewöhnlichen Frau verfasst. Für dieses Buch, in dem sie der 1923 in der Bretagne geborenen Anne Beaumanoir, genannt Annette, einer Heldin der Resistance, ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt hat, erhielt Weber den Deutschen Buchpreis 2020.

Annette engagierte sich bereits als Jugendliche in der kommunistischen Resistance und rettete zwei jüdische Jugendliche vor den Nazis. Nur kurz führte sie ein bürgerliches Leben als Neurophysiologin in Marseille mit Ehemann und drei Kindern, blieb aber weiterhin ihren Idealen, den Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit treu. Wegen ihres Engagements für die algerische Unabhängigkeitsbewegung wurde sie in Frankreich verurteilt. Um nicht für zehn Jahre ins Gefängnis zu müssen, floh sie ohne Ehemann und Kinder nach Nordafrika, wo sie die Unabhängigkeitsbewegung noch jahrelang unterstützte und das algerische Gesundheitssystem mit aufbaute.

Anne Weber erzählt dieses ungewöhnliche Leben in passend unkonventioneller Weise. Sie wählt die Form des Epos, verzichtet auf Reimzwang und schafft rhythmische Verse. Die Autorin erzählt episodisch, streut historische Sachinformationen und Klassikerzitate ein und führt den Leser mit leichter Hand durch Annettes wechselvolles Leben, das durch Mut, Idealismus und den Kampf um Gerechtigkeit geprägt ist.

Doch Weber beschreibt in ihrem Epos nicht nur das abenteuerliche Leben ihrer Heldin, sondern geht auch der Frage nach, was Annette in den Widerstand getrieben hat. Weber verschweigt nicht den Preis, den Annette und ihre Familie für dieses widerständische Leben bezahlt haben. Sie betrachtet Annettes Heldentum sehr differenziert und entgeht damit der Gefahr einer Glorifizierung.

Unerwartet lässt die Autorin immer wieder Ironie und Humor aufblitzen. Deutlich spürbar ist ihre Lust an der deutschen und französischen Sprache, humorvoll ihre historischen Einschübe, wie den Sitzkrieg, in Englisch „phoney war“, der in Frankreich wegen der bekannt schlechten Englischkenntnisse der Franzosen laut Weber zu einem „funny war“, einem „lustigen Krieg“ wurde.

Fazit: Ein besonderes Buch, das einer außergewöhnlichen Frau mit einem originellen Schreibstil gerecht wird und sich verblüffend leicht liest.

Christine Lenhart

Lesetipp November

Einfach LebenHerman Koch: Einfach leben

Tom ist ein erfolgreicher Sachbuchautor, auch sein neuester Ratgeber „Einfach leben“ hat es wieder in die Bestsellerlisten geschafft. Er ist glücklich verheiratet, hat zwei bereits erwachsene Söhne und ist felsenfest davon überzeugt, das Leben im Griff zu haben. Eines Tages wendet sich seine Schwiegertochter an ihn und bittet ihn verzweifelt um Hilfe, weil ihr Mann Stefan – also sein Sohn – sie wiederholt geschlagen hat. Obwohl er – ist er doch ein anerkannter Lebenshilfe-Experte – ihr verspricht, sich des Problems anzunehmen und mit seinem Sohn zu reden, stellt sich heraus, dass er, entgegen seiner Selbstwahrnehmung, komplett unfähig ist, mit realen Unannehmlichkeiten umzugehen. Erst einmal behält er alles für sich, kann sich eigentlich nicht vorstellen, dass sein geliebter Stefan zu so etwas fähig ist, sucht insgeheim die Schuld bei seiner ungeliebten Schwiegertochter und bietet ihr Gespräche an. Eine Unterredung mit seinem Lieblingssohn, wo er ihn mit seinem Fehlverhalten konfrontieren müsste, schiebt er so lange vor sich her, bis es dafür zu spät ist.

Dem niederländischen Autor ist hier eine herrlich witzige und bitterböse Satire auf die allgegenwärtige Flut von mehr oder weniger banalen Ratgeberbüchern gelungen. Zugleich ist das Büchlein ein amüsantes Lehrstück in Sachen Selbstüberschätzung und allzu unkritischer Elternliebe. Manchmal ist leben halt doch nicht so einfach.

Sabine Köstler

Lesetipp Oktober

Katja Oskamp: Marzahn, mon amour

Ich kenne und mag Katja Oskamp als Schriftstellerin. Nun schulte sie zur Fußpflegerin um und hat mit „Marzahn, mon amour – Geschichten einer Fußpflegerin“ darüber ein Buch geschrieben. Das hat mich neugierig gemacht, also schnappte ich mir das Buch und ließ mich überraschen. Laut Klappentext ist die Autorin „Mitte vierzig, als ihr das Leben fad wird. Das Kind ist aus dem Haus, der Mann ist krank, die Schriftstellerei, der sie sich bis dahin gewidmet hat: ein Feld der Enttäuschungen.“ Eine Bekannte bringt sie auf die Idee mit der Umschulung und bei eben dieser Bekannten fängt sie in Berlin-Marzahn in ihrem neuen Beruf an zu arbeiten.

Die Autorin schreibt auf, was sie an ihrem Arbeitsplatz hört. Es sind die Geschichten von Menschen, die teils seit dem Bau des Stadtteils dort leben und eine Menge erzählen können: vom Ende der DDR, den Umbrüchen nach der Wende und dem Sich-Einrichten in der Gegenwart. Die Rentnerin, der Ex-Funktionär, die jugendlichen Töchter von Schriftsteller-Freundinnen – sie alle kommen zu Wort.

Katja Oskamp erzählt die Geschichten ihrer Protagonisten sehr respektvoll und zugleich mit viel Witz und großer Empathie. Ich muss lachen und mir ist gleichzeitig ganz melancholisch zumute. Der*Die Lesende erfährt so einiges über einen Stadtteil, der gar nicht so trist und seelenlos zu sein scheint, wie sein ihm vorauseilender Ruf. Es ist ein Buch, das berührt und deshalb sehr zu empfehlen ist!

Susann Wagner

Lesetipp September

Olivia Vieweg: EndzeitOlivia Vieweg: Endzeit

Die Erde wurde von Zombies überrannt. Auf dem Weg von Weimar nach Jena treffen die traumatisierte Vivi und die taffe Eva aufeinander. Um zu überleben, schließen sich die beiden notgedrungen zusammen.

Neben einigen Zombies kämpfen Eva und Vivi mit ihren ganz eigenen Dämonen. Eva nutzt ihre Stärke und ihren Überlebenswillen wie Schwert und Schild und versucht, die Vergangenheit einfach hinter sich zu lassen. Vivi, die in Weimar sehr behütet gelebt hat, muss auf der Reise ihre eigene Stärke erst entdecken. Letztendlich ergänzen sich beide und aus der Schicksalsgemeinschaft wächst eine Freundschaft.

Olivia Vieweg lässt es eine Figur sogar aussprechen: Die Zeit der Menschen ist zu Ende. In ihren Bildern schwingt diese Stimmung oft mit. Sie vermitteln eine friedliche Sanftheit, als sei es schon in Ordnung, dass es zu Ende geht. Das Unausweichliche lässt sich nicht aufhalten, also lasst uns das Beste daraus machen.

In Endzeit geht es nicht um die Rettung der Menschheit. Es geht um die Geschichte von zwei Frauen und das Finden von innerem Frieden und Stärke. Und obwohl die Lage aussichtslos ist, lässt mich das mit einem Gefühl von Hoffnung zurück.

Sarah Dlugokinski-Thoma

Lesetipp August

Die Sehnsucht des VorlesersJean-Paul Didierlaurent: Die Sehnsucht des Vorlesers

In seinem Debütroman erzählt der französische Autor die Geschichte von Guylain Vignolles. Einem Mann voller Eigenheiten am Rande der Gesellschaft. Schon in seiner Kindheit hatte er es schwer, denn wenn man bei seinem Namen nur zwei Silben vertauscht, ergibt das Vilain Guignol, was so viel bedeutet wie „dummer Kasper“. Deswegen ist es ihm am liebsten, unsichtbar zu sein und schnell vergessen zu werden. Seine besten Freunde sind sein Goldfisch, ein ehemaliger Kollege, der einen ungewöhnlichen Sammelzwang hat und der Wachmann Yvon Grimbert, der nur in Versen spricht.

Außerdem hasst Guylain seine Arbeit. Jeden Tag wird er aufs Neue gezwungen, die Bestie zu füttern oder auch Zerstör 500. Sein ganz persönliches Monster, denn alles was es tut, ist das Schreddern und Zerstören von Büchern.

Sein einziger Lichtblick jeden Tag ist das Vorlesen im 6-Uhr-27-Zug, um ein paar einsamen geretteten Blättern wieder Leben einzuhauchen. Der monotone, graue Alltag des Vorlesers endet jedoch an dem Tag, als er in genau diesem Zug einen roten USB-Stick findet. Auf diesem entdeckt er das Tagebuch einer ganz besonderen Frau und beschließt, sich auf die Suche nach ihr zu machen. Dabei findet er sich auf einer Reise zu sich selbst und den schönen Seiten des Lebens wieder.

Jean-Paul Didierlaurent hat wirklich liebenswerte, skurrile Charaktere geschaffen, die zu kleinen Helden ihres tristen und monotonen Lebens werden. In einem deprimierenden Alltag und beruflicher Unzufriedenheit wie der von Guylain Vignolles festzustecken, kennen leider viele. Der Autor zeigt Seite um Seite, wie Guylain die vielen kleinen bunten, schönen Farben des Lebens wiederentdeckt. Das Ganze verpackt er mit einer guten Portion Humor und teilweise schon fast poetischen Passagen.

Was ich auch noch erwähnen möchte, ist die liebevolle Seitengestaltung, bei der sich Hintergrund, Schriftart und Schriftfarbe immer wieder abwechseln, passend zu dem, was Guylain liest.

Wer wie ich außergewöhnliche Geschichten und schräge Figuren mag, aber trotzdem etwas Leichtes zum Entspannen sucht, dem kann ich „Die Sehnsucht des Vorlesers“ auf jeden Fall nur empfehlen.

Lesetipp Juli

Jason Reynolds: Long Way Down

Wills Bruder ist tot.
Erschossen.
Auf offener Straße.
Beim Seife kaufen.
Will bleiben nur
Trauer, Wut
und drei Regeln
– die drei Regeln –
an die sich Will hält.
An die sich jeder hält:

1. Nicht weinen
2. Niemanden verpfeifen
3. Rache üben

Wir begleiten Will
bei seinem Weg nach unten.
Im Fahrstuhl.
8 Stockwerke.
Bei seinen Gedanken, der Gewalt und dem Leid,
welche diese Regeln mit sich bringen.

Anfangs irritiert die durchgängige Versform – teils in Jugendsprache/Slang – die einen jedoch schnell in ihren Bann zieht. So auch die Geschichte um Will, seinen Bruder und die Regeln, die allen das Recht zu geben scheinen, selbst zu richten. Eine Abwärtsspirale, die wir uns nicht unbedingt vorstellen können, die aber Realität ist.
Diese intensive Geschichte bewegt – eine klare Empfehlung nicht nur für jugendliche Leser*innen!

Jason Reynolds behandelt in seinen Büchern soziale Missstände, Gewalt und (Polizei-)Willkür. Dabei lässt er seine eigenen Erfahrungen einfließen. Im Juli 2018 hatten wir das Glück den Autor für eine Lesung im Rahmen des White Ravens Festival in der Stadtbibliothek begrüßen zu dürfen. Lesen Sie hierzu gerne unseren Blogbeitrag.

Heike Ossadnik

Lesetipp Juni

Delphine de Vigan: Dankbarkeiten

Der feinfühlige Roman handelt von der einst sehr auf ihre Unabhängigkeit stolzen Michka. Die weltoffene ältere Dame arbeitete früher im Verlagswesen und muss nun erfahren, dass sie zunehmend ihre Wörter verliert. Aus OK wird Oje, der Rollstuhl wird zum Grollstuhl. Als ihre Hilflosigkeit, die man als Leser gut nachvollziehen kann zunimmt, zieht sie in ein Pflegeheim. Besucht wird sie dort regelmäßig von Jérôme, einem Logopäden und Marie.

Michka hat sich liebevoll um Marie gekümmert, als sie ein Kind war und deren Mutter mit der Situation überfordert schien. Nun ist es umgekehrt. Marie möchte der mütterlichen Freundin helfen, ihren größten Wunsch zu erfüllen: Einem Ehepaar ihre Dankbarkeit auszudrücken, das sie als junges Mädchen gerettet hat.

Jérôme hat sich auf den Spracherhalt von Senioren spezialisiert und versucht Michkas schleichenden Verlust der Ausdrucksfähigkeit zu verlangsamen. Beide berichten abwechselnd von ihren emotionalen Begegnungen mit Michka.

„Dankbarkeiten“ ist ein tiefgründiges, zärtliches und warmherziges Buch, das mitreißend geschrieben ist und lange nachwirkt. Delphine de Vigans wundervolle Erzählung vom Abschiednehmen kann beim Lesen ein Wechselbad der Gefühle auslösen: Von Schmunzeln über die witzigen Satzkonstruktionen, über Traurigkeit bis zu der bewegenden Frage: „Was bleibt am Ende?“

Karina Rosa

Wir empfehlen!

Weitere Lesetipps finden Sie im Blog der Stadtbibliothek.

Tatort Krimiregal

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Krimis

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Film-Tipp

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Die ganze Welt spricht über die Umwelt und hört dabei oft der Natur selbst gar nicht zu. In "Das geheime Leben der Bäume" nimmt uns Peter Wohlleben mit in die verborgene Welt des Waldes. Ein faszinierender Einblick und unser Film-Tipp des Monats!